Fünfkampf und der Fall Schleu

Keine Schuld – doch die Bilder wirken nach

von Redaktion

GÜNTER KLEIN

Es wird ja immer gesagt, dass der Skandal in Erinnerung bleiben wird, seine Aufbereitung mit möglicher Entlastung der verfemten Personen aber weniger Aufmerksamkeit erfährt. Daher sei an dieser prominenten Stelle explizit erwähnt, dass das Tierquälerei-Ermittlungsverfahren gegen die Moderne Fünfkämpferin Annika Schleu eingestellt worden ist. Wie oft in solchen Fällen: Man trifft sich in der Mitte und hat die Sache vom Tisch, die Anwälte formulieren dann was dazu. Also: Annika Schleu bezahlt 500 Euro an eine gemeinnützige Einrichtung, was aber kein Eingeständnis von Schuld ist – und die Staatsanwaltschaft unternimmt keine weiteren Schritte.

Dass Schleus Umgang bei den Olympischen Spielen in Tokio mit dem ihr zugelosten Pferd Saint Boy zur Anzeige gebracht würde, war in der aufgeheizten Diskussion um die Szenen zu erwarten und wohl vor allem als Signal gedacht, um für das Anliegen des Tierschutzes zu sensibilisieren. Prozess und plakative Verurteilung waren realistisch nicht zu erwarten, denn es galt zu berücksichtigen, dass die Sportlerin, der gerade der Olympiasieg entglitt, in eine Überforderung geriet, die nicht geringer war als die des Pferdes. Und vor allem ist zu diskutieren, ob nicht das Hauptproblem im Reglement liegt, weil es diese Grenzsituationen, die sich zwischen Reiter und Pferd auftun können, erst ermöglicht. Annika Schleu hat sich fehlverhalten, indem sie Saint Boy malträtierte (angefeuert von ihrer Trainerin Kim Raisner). doch ihre individuelle Verantwortung ist nicht größer als die des Verbands, der seinen Sport so ausufern lässt.

So abstoßend die Bilder aus Tokio waren, so haben sie wenigstens eine Druckwelle ausgelöst, die dafür sorgt, dass der Moderne Fünfkampf zur Erneuerung bereit ist. 2024 soll das Springreiten als dritte Disziplin weichen und durch eine Rad-Herausforderung ersetzt werden. Es wird die Traditionalisten erschüttern, die an den militärischen Wurzeln der Vielseitigkeitsprüfung festhalten wollen, doch ein Sport, der sich nicht entwickelt, würde untergehen. Die Zusammenlegung von Schießen und Geländelauf zu einer abschließenden Kombination hat dem Fünfkampf gutgetan. Je eher das Reiten rausfliegt, desto besser. Gerne sofort.

Annika Schleu kann ihre nächste Siegchance anstreben, als gute Vierkämpferin hat sie sich ja gezeigt. Dass sie vor allem mit ihrem Scheitern in einer Ausnahmesituation ihrer Karriere in Verbindung gebracht werden wird, kann sie aber nicht mehr ändern.

Guenter.Klein@ovb.net

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