„Das Mitmachen war die Regel“

von Redaktion

Umfassende Studie „Der FC Bayern und der Nationalsozialismus“ vorgestellt

VON NICO-MARIUS SCHMITZ

München – In der Historie des FC Bayern gibt es genügend Glanz. Rekorde, Titel, Legenden. In den vergangenen Jahren haben die Münchner besonders intensiv zurückgeschaut. Aber nicht, um sich am Ruhm alter Tage zu erfreuen, sondern um ein dunkles Kapitel der Vereinsgeschichte zu beleuchten.

2017 hat der FC Bayern einen unabhängigen Forschungsauftrag an das Münchner Institut für Zeitgeschichte (IfZ) vergeben. Über dreieinhalb Jahre untersuchte Gregor Hofmann für seine Doktorarbeit „Der FC Bayern und der Nationalsozialismus“ 15 000 Dateien-Scans aus rund 60 Archiven in Deutschland und dem Ausland.

„Die Tatsache, dass ein Verein über drei Jahre Forschung finanziert, keinen Einfluss nimmt, die Ergebnisse dann offen aufnimmt und in seine Arbeit einfließen lässt, hat einen neuen Maßstab gesetzt. Der FC Bayern wusste ja 2017 noch nicht, zu welchen Ergebnissen wir kommen werden“, sagt Hofmann im Gespräch mit unserer Zeitung.

Die Studie hat gezeigt: Der Fußball ist kein unpolitisches Reservat, wo einfach nur gekickt wird. Es stellt sich aber auch heraus: Das Regime hat dem Sport nicht von oben herab alles diktiert. Fast alle Vereine haben sich von sich aus dem NS-Regime zugewandt, es hat eine Selbstmobilisierung stattgefunden.

Am 22. März 1933 trat der jüdische Vereinspräsident Kurt Landauer aus eigenem Entschluss zurück. Ein erstes Signal, so Hofmann, dass sich beim FC Bayern etwas verändert. Am 12. April 1933, also zweieinhalb Monate nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, wurde der Verein dann nach dem „Führerprinzip“ organisiert. Was bedeutet das für den angeblichen „Judenclub“ FC Bayern, der, wie es oft überliefert wurde, vermeintlich lange auf Distanz zum NS-Regime ging? „Auch beim FC Bayern war das Mitmachen in der NS-Zeit die Regel. Der FC Bayern war also anderen Vereinen ähnlicher als bislang angenommen“, sagt Hofmann. Der Begriff „Judenclub“ taucht zudem in dieser Schreibweise erst nach 1945 in den Akten auf.

Wahrscheinlich stand der FC Bayern vor 1933 im Ruf, irgendwie ‚jüdisch’ zu sein. Das lag aber weniger an der tatsächlich hohen Quote jüdischer Mitglieder, so Hofmann, sondern vielmehr an verbreiteten antisemitischen Vorurteilen, die auch mit dem FC Bayern in Verbindung gebracht wurden: Etwa besonders reich und abgehoben zu sein: „Der FC Bayern wurde jedenfalls nach 1933 im Vergleich nicht besonders benachteiligt oder diskriminiert, weil er als jüdisch wahrgenommen wurde.“

Im Vergleich zu anderen bayerischen Vereinen sei jedoch festzuhalten, dass jüdische Mitglieder erst später rausgeworfen wurden. Der TSV 1860 hatte im Vergleich zum FC Bayern, so stellt es die Studie heraus, eine deutlich höhere Quote an NS-Lokalprominenz im Verein. Noch 1934/35 tauchten jüdische Mitglieder in der Clubzeitschrift auf und wurden dort geehrt. Hofmann: „Das ist in der Form eine Ausnahme.“

Zwischen 1933 und 1945 sollen nach Forschungsstand 53 Prozent der Bayern-Funktionäre Mitglied in der NSDAP gewesen sein. Der Historiker Hans Woller führt in seiner Biografie über Gerd Müller zudem aus, dass Walter Neudecker (von 1962 bis 1979 Präsident des FC Bayern) Mitglied der SS war, Walter Fembeck (von 1957 bis 1983 Geschäftsführer des FC Bayern) Mitglied der Waffen-SS. Der Name Neudecker taucht auch in der Studie Hofmanns auf, da er zu den 119 Personen gehört, dessen Biografien genauer untersucht wurden. „Der Fußball hat eine große Reichweite und kann auch Menschen für die NS-Zeit sensibilisieren, die sich sonst vielleicht eher nicht mit dem Thema beschäftigen würden“, sagt Hofmann. In Zusammenarbeit mit dem FC Bayern habe er gemerkt, dass es ein ehrliches Interesse daran gibt, dieses Kapitel der Vereinsgeschichte aufzuarbeiten.

Der FC Bayern und die aktive Fanszene halten die Erinnerungskultur mit Sonderausstellungen, Aktionen am Holocaust-Gedenktag oder auch Choreografien seit Jahren hoch. In Zusammenarbeit mit dem IfZ wird das Museum des FC Bayern die Ausstellung zur Vereinsgeschichte nach den Ergebnissen der Studie anpassen und erweitern.

„Der Verein, der für jüdische Menschen in München vor und nach der NS-Zeit einer von vielen sozialen Ankern in ihrer Stadt war, blieb in der Zeit der Diktatur nicht ohne Schuld, aus der heute Verantwortung erwächst“, sagt Charlotte Knobloch. Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern freut sich, „dass der FC Bayern diese Verantwortung so eindeutig annimmt“ und vertraut darauf, „dass er seine Werte in diesem Wissen vertritt“.

Artikel 1 von 11