„Die Distanz der Erlebniswelten ist gewachsen“

von Redaktion

Fanforscher Harald Lange über die Entfremdung zwischen der Fußballszene und dem Anhang während der Pandemie

München – Wie hat die Corona-Pandemie den Profifußball verändert? Ist die Entfremdung zwischen Akteuren und Publikum mehr als nur ein Gefühl? Und falls ja, (wie) lässt sich der Trend noch umkehren? Fragen, mit denen sich Professor Harald Lange als Inhaber des Lehrstuhls für Sportwissenschaft an der Uni Würzburg intensiv beschäftigt. Im Interview spricht Lange über die Ergebnisse seiner Forschungen und erklärt, wohin die Reise für den Lieblingssport der Deutschen gehen könnte.

Herr Professor Lange, Ihre jüngste Studie, der eine repräsentative Befragung von über 4000 deutschen Fußballfans zugrunde lag, brachte zutage, dass für rund ein Drittel der Befragten das Interesse am Profifußball seit Corona abgenommen hat. Nur gut 13 Prozent gaben an, mehr Interesse am Fußball zu haben als vor Beginn der Pandemie. Fühlen Sie sich als Untergangsprophet bestätigt?

Untergangsprophet? Das gefällt mir nicht. Ich mache Analysen und wage Prognosen. Bedauerlicherweise ist die eine oder andere dieser Prognosen eingetreten. Der Fußball bewegt sich seit vielen Jahren im Spannungsfeld aus Tradition und fortschreitender Kommerzialisierung. Jetzt ging die Abwendung der Fans deutlich voran. Die Kritik an den Zuständen ist während der Pandemie aus den Fankurven in die Mitte der Gesellschaft geschwappt, als es plötzlich Sonderregelungen für den Fußball gab. Corona mit all seinen Einschränkungen und Belastungen hat da als Katalysator, als Brandbeschleuniger gewirkt. Vor allem bei den Eventfans ohne starke Vereinsbindung hat das Interesse abgenommen.

Welche konkreten Gründe können Sie nennen? Immerhin haben 76,9 Prozent der Enttäuschten gesagt, dass Sie zuversichtlich sind, dass die Fans zurück ins Stadion kommen wollen, wenn sich wieder alles normalisiert hat.

Das stimmt. Aber die Voraussetzung dafür ist, dass sich der Fußball reformiert und wieder näher an die Fans heranrückt. Die Geisterspiele haben vielen vorgeführt, dass das Geschäft auch ohne sie weiterläuft. Die Distanz der Erlebniswelten ist gewachsen. Es fühlt sich zwar immer noch skurril an, ein Spiel am Fernseher vor leeren Rängen zu verfolgen. Aber es wird sich auch schon jeder dabei ertappt haben, das nicht mehr als wirklich störend zu empfinden. Der Gewöhnungseffekt ist auch hier eingetreten.

Was können die Clubs seriös tun, um wieder mehr Nähe herzustellen?

Es geht um Identifikation. Die Fläche dazu schaffe ich durch Fan-Dialog, durch Transparenz in den Entscheidungen und durch Stärkung des eigenen Nachwuchses. Dass das Thema Nachhaltigkeit künftig in die Lizenzierung mit einfließen soll, werte ich als positives Signal. Und zu den Clubs: Alles nur über den Erfolg zu definieren, ist zu kurz gedacht. Als Idealbeispiel kann ich nur immer wieder den SC Freiburg nennen, wo über Themen wie Nachhaltigkeit nicht nur geredet wird, sondern wo man diesen Ansatz auch lebt. Union Berlin ist ein anderes Beispiel, auch der 1. FC Köln macht in Sachen Fan-Bindung sehr viel richtig. Die Bundesliga hat jedoch auch Gegenmodelle zu bieten. Zum Beispiel, wenn das Engagement von Investoren die Identifikation von Fans erschwert. Denn so viel steht fest: Spieler lassen sich kaufen. Fans niemals.

Der Stadionbesuch ist das eine, aber kann man dadurch auf das generelle Interesse schließen?

Die Einschaltquoten bei der EM 2021 waren deutlich niedriger als bei vorangegangenen Turnieren, in der Bundesliga stagnieren die Zahlen bestenfalls. Unsere Erhebungen zeigen, dass es vielen Leuten inzwischen reicht, die Ausschnitte in der Sportschau zu sehen. Das liegt natürlich nicht nur an der Pandemie und Kommerzialisierung, sondern auch an der fehlenden Spannung an der Ligaspitze. Die Verteilung der TV-Gelder geht in Deutschland immer noch zu weit auseinander.

Angesichts der Verluste bei den Zuschauereinnahmen wird künftig kaum jemand sein Stück vom Kuchen verkleinern wollen.

Ich habe die Hoffnung, dass in der DFL irgendwann umgedacht wird, wenn das Produkt Bundesliga an Attraktivität verliert. Aber Sie haben recht, nüchtern analysiert gibt es gewichtige Indizien, dass sich die Kommerzspirale weiterdrehen wird, vor allem mit Blick auf die internationalen Märkte. Es gibt keine wirksamen Kontrollmechanismen, das sieht man an Clubs wie Manchester City oder Paris Saint-Germain. Was es bräuchte, ist eine Ethik des Kommerzfußballs.

Ex-Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge plädiert für eine Abschaffung der 50+1-Regel, um den deutschen Profifußball international konkurrenzfähig zu halten. Wie beurteilen Sie diese Thematik?

Das wäre viel zu kurz gedacht. Die Vereinstradition ist – historisch gesehen – ein einzigartiges Kennzeichen des deutschen Fußballs. Die Mitgliederbeteiligung und verantwortung garantiert letztlich Identifikation. Und genau das verstehe ich unter der „harten Währung“ des Fußballs. Identifikation bei Millionen Fans macht den Fußball (auch in monetärer Hinsicht) so wertvoll. Deshalb muss 50 plus 1 bewahrt und gepflegt werden. Außerdem war der deutsche Fußball auch mit dieser Regel in den zurückliegenden zehn Jahren enorm erfolgreich.

Bleiben wir beim FC Bayern und der Debatte um das Ärmelsponsoring mit Quatar Airways. Welchen Schaden kann ein Streit wie der bei der jüngsten Jahreshauptversammlung anrichten?

Das war ein PR-Desaster mit Ansage. Ich war überrascht, wie sehr die Verantwortlichen die Gemengelage unterschätzt hatten. So ein Ausmaß an Unsouveränität kannte man vom FC Bayern nicht. Da wurde mit allen juristischen Tricks versucht, die Meinung derjenigen, die den Verein eigentlich tragen, zu ignorieren. Und danach wurde beschwichtigt und sich entschuldigt. Ich bin gespannt, wie es nach dem Auslaufen dieses Sponsoring-Vertrags weitergehen wird, mit welcher Begründung verlängert wird oder auch nicht. Rummenigge war da sehr ehrlich, als er von gutem Geld sprach, das der FC Bayern mit Katar verdiene. Ökonomisch ist das sicherlich richtig, aber ethisch gesehen? An der Stelle wird diese Debatte hochinteressant. Wie sehr sind die Fans in der Breite bereit, das zu akzeptieren? Die Reaktionen werden sicher Signalwirkung haben.

Ende des Jahres wird die Weltmeisterschaft in Katar ausgetragen. Lässt sich das Image des deutschen Fußballs mit politischen Statements und Aktionen noch aufpolieren, Stichwort Annäherung?

Nein, das Thema ist vorbei. Der DFB hat nie wirklich begründet, warum er an diesem Turnier teilnimmt. Alles, was da von Oliver Bierhoff kam, wirkte bestenfalls hilflos. Im Dialog bleiben, um dort Veränderungen hervorzurufen – das glaubt kein Mensch mehr. Man kann nur noch schauen, sich dort politisch nicht allzu sehr vereinnahmen zu lassen. Auch die Sponsoren sind in einer schwierigen Lage, da bin ich gespannt, wer letztlich wie werben wird. Mit Blick auf den DFB würde ich mir wünschen, dass man sich verpflichtet, künftig zu keinem Turnier mehr zu fahren, dessen Ausrichter nicht unseren Wertestandards entspricht. So etwas wie Katar darf sich nicht wiederholen, das muss in die Satzung. Der Präsidentschaftskandidat des DFB, der das vertritt, hätte meine Sympathie. Aber die Chance ist wohl schon verpasst. Die Wahl ist ja schon am 11. März.

Peter Peters als DFL-Vertreter oder Bernd Neuendorf als Mann der Amateure – wem trauen Sie mehr Reformen zu?

Ich bin da wirklich leidenschaftslos und schaue nur mal auf die Aufgabe, die Spaltung zwischen Amateuren und Profis wieder zu reparieren: Reform verkörpert wenn überhaupt das Team Peters. Wenn man das Alte bewahren will, ist Neuendorf eine gute Wahl.

Interview: Ludwig Krammer

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