Fahnenträgerin Pechstein

Genugtuung für die ewig Streitbare

von Redaktion

ARMIN GIBIS

Natürlich ist Claudia Pechstein eine beeindruckende Person. Anno 1992 errang sie ihre erste von neun olympischen Medaillen, widerstand in den folgenden Jahrzehnten mit beispielloser Zähigkeit dem Zahn der Zeit – und tritt nun in einem für Sportler fast schon biblischen Alter von knapp 50 zum achten Mal bei Winterspielen an. Da ist es sicher keine allzu große Überraschung, dass die Eisschnellläuferin zusammen mit Bobfahrer Francesco Friedrich in Peking die deutsche Fahne tragen darf.

Sie selbst sieht die Auszeichnung als I-Tüpfelchen ihrer Karriere an. Und damit scheint Pechstein endlich jene Genugtuung gefunden zu haben, nach der sie über viele Jahre hinweg mit größter Verbissenheit strebte. Sie selbst machte keinen Hehl daraus, dass Zorn ihr wesentlicher Kraftspender war. Als ihren Hauptfeind bezeichnete sie stets den Eisschnelllauf-Weltverband ISU, dem sie ihre zweijährige Sperre (2009 bis 2011) wegen einer Blutanomalie anlastete. Der damalige Dopingbefund war umstritten, mündete in einen Gelehrtenstreit, wobei es auch ein Gutachten gab, das Pechstein genetisch bedingte Blutwerte bescheinigte. Doch Zweifel blieben. Freigesprochen oder entschädigt wurde die Sportlerin jedenfalls nicht. Und so verwandelte sich Pechstein in eine Wutläuferin, deren demonstrative Unversöhnlichkeit stets mit einer Kampfansage an die ISU verknüpft war. Man könnte auch sagen: Es waren keine positiven sondern negative Energien, die die historisch erfolgreichste deutsche Winter-Olympionikin stets antrieben.

Ihre unzähmbare Streitbarkeit hat Pechstein aber auch im internen Konkurrenzkampf demonstriert. Unvergessen ist die Kontroverse mit ihrer Inzeller Rivalin Anni Friesinger. Die damaligen Feindseligkeiten gingen als „Zicken-Krieg“ in die Sportgeschichte ein. Nicht gerade zimperlich ging Pechstein auch mit Stephanie Beckert um, die vor einem guten Jahrzehnt als größtes deutsches Eisschnelllauf-Talent galt. Die Schlagzeilen kündeten von einem „Hass-Duell“. Die beiden wechselten kein Wort miteinander. Beckert, 2010 dreifache Medaillengewinnerin, war der 16 Jahre älteren Widersacherin nicht gewachsen – und schien letztlich daran zu zerbrechen.

Wie gesagt: Unbestritten sind Pechsteins sportliche Meriten. 51 Medaillen bei Großereignissen (Olympia, WM) sprechen für sich. Sie hat jedoch auch einiges dazu beigetragen, dass sich die Geister bis heute an ihr scheiden.

Armin.Gibis@ovb.net

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