Peking – Der goldene Skihelm von Andreas Sander glänzte in der chinesischen Sonne, und mit dem nagelneuen Kopfschutz kehrte beim Vize-Weltmeister auch die Angriffslust zurück. „Ich setze hier alles auf eine Karte“, sagte er entschlossen, „jetzt ist Olympia, es zählt nur das eine Rennen, vielleicht gibt mir das den extra Schub.“ Bislang, sinnierte Sander, „habe ich es immer geschafft, bei Großereignissen Bestleistung abzurufen.“
Die deutschen Silber-Jungs um Sander und Romed Baumann wollen in Peking in die Goldspur finden, allerdings: Favoriten, gab Josef Ferstl nach der Jungfernfahrt auf der Olympia-Piste zu, „sind andere“. Allen voran der sechsmalige Saisonsieger Aleksander Aamodt Kilde (Norwegen), die Österreicher, die Schweizer. Die deutschen Abfahrer standen in diesem Winter noch kein einziges Mal auf dem „Stockerl“. Für das Olympia-Rennen am Sonntag (4.00 Uhr MEZ) aber, betonte Ferstl, „werden die Karten neu gemischt“.
Eine Phrase, aber eine mit wahrem Kern: Im Skigebiet von Yanqing betreten alle Athleten Neuland. Vor dem ersten Abfahrtstraining, in dem Simon Jocher als Sechster Bester der fünf Deutschen war, war das weiße Kunstschnee-Band namens „Rock“ (Fels) inmitten brauner Berge noch nie befahren worden. „Das ist auf jeden Fall eine Chance“, behauptete Sander.
Der erste Eindruck? Grandios! In dieser verlassenen und extrem trockenen Gegend unweit der Wüste Gobi ein Skigebiet in den Berg zu sprengen, ist Irrsinn. Doch die Arbeit der Schweizer Spezialisten Bernhard Russi und Didier Defago begeistert die Sportler. Jocher hatte bei der Premiere „Spaß von oben bis unten“, Sander fand es „zum Skifahren genial“. Josef Ferstl erzählte mit leuchtenden Augen: „Ich habe selten so was Cooles und Lässiges gefahren. Gewaltig, macht richtig Bock.“
Die Strecke ist mit 2950 m minimal länger als die Kandahar in Garmisch-Partenkirchen. Vom windumtosten Ziel in 2179 m Höhe, wo gefühlte Temperaturen von bis minus 40 Grad herrschen, geht es in etwas über 1:40 Minuten hinunter auf 1285 m über dem Meer. Der Kurs? „Besonders, eigen, viele Kurven“, befand Sander. Doppel-Weltmeister Vincent Kriechmayr (Österreich) meinte: „Es ist alles drin, was eine moderne Abfahrt braucht.“
Ferstl, Kitzbühel-Sieger von 2019, kämpft noch um einen der vier deutschen Startplätze. Drei werden „aufgrund der Leistung und des Gesamteindrucks“ nach dem zweiten Training vergeben, sagte Cheftrainer Christian Schwaiger. Die Silber-Helden Sander und Baumann dürften gesetzt sein. Der vierte und letzte Platz geht an denjenigen, der im Abschlusstraining schneller ist. sid