Yanqing – Lena Dürr stand völlig fassungslos im Abseits, als keine 15 Meter von ihr entfernt das Siegerfoto geschossen wurde. Mit Tränen in den Augen musste die Münchnerin mitansehen, wie andere über die Medaillen im Slalom jubelten, die für sie selbst greifbar nah waren. „Es tut grad richtig weh“, sagte Dürr und wischte sich eine Träne aus dem Auge, „es war so unfassbar knapp, das ärgert mich am allermeisten.“
Zwölf Jahre nach dem Triumph von Maria Höfl-Riesch lag sie als Führende nach dem ersten Lauf auf Goldkurs, zu diesem Zeitpunkt war Topfavoritin Mikaela Shiffrin (siehe unten) schon dramatisch gescheitert. Dürr hatte vor ihrer Fahrt im Finale stolze 0,72 Sekunden Vorsprung auf Petra Vlhova, die am Fuße der „Eisfluss“-Piste ungeduldig wartete. Noch bei der letzten Zwischenzeit lag Lena Dürr vorne, doch dann verpatzte sie die letzte Haarnadel. Aus Gold wurde die Blechmedaille.
Im Ziel sank Dürr erschüttert in den Schnee: Vierte! Winzige 0,07 Sekunden hinter dem „Stockerl“, nur 0,19 Sekunden langsamer als Olympiasiegerin Vlhova (Slowakei), in deren Armen sie kaum Trost fand. „Wenn man weit weg ist, ist es leichter zu verarbeiten“, sagte Dürr und schob sich ihre golden umrandete Skibrille wieder über die wässrigen Augen. Silber ging an Weltmeisterin Katharina Liensberger aus Österreich, Bronze an die Schweizerin Wendy Holdener. Emma Aicher, die zweite deutsche Starterin, fuhr auf einen soliden 18. Rang.
Was sie aufbauen könne? Dürr atmete tief durch: „Jetzt erstmal nix“, sagte die 30-Jährige geknickt und versuchte, ihre tiefe Enttäuschung mit einem Lächeln zu überspielen. Später, „wenn ich alleine in meinem Zimmer bin“, werde es nochmal richtig schwer, meinte sie.
Maria Höfl-Riesch litt aus der Ferne mit. „Ach, wie ärgerlich“, sagte sie, „das war die Chance ihres Lebens.“ Dürr habe es „im Steilhang den Zahn gezogen“, analysierte die dreifache Olympiasiegerin, „extrem bitter, sehr, sehr schade.“ Hilde Gerg, 1998 mit Slalom-Gold dekoriert, sah im ZDF „ein Spiegelbild“ von Dürrs Karriere: „Einmal den Rhythmus verloren – das war’s!“ Die gebürtige Lenggrieserin sagte zudem: „Das ist fast ein bisserl die Höchststrafe, die Lena ist ein super Rennen gefahren.“
Dabei schien sie diese Schwäche in diesem Winter abgelegt zu haben, fuhr dreimal hinter Vlhova und Shiffrin aufs Podium. Spielten ihr die Nerven einen Streich? „Nein, gar nicht, ich war nicht nervös“, versicherte sie glaubhaft.
Nach einigen Tagen Training auf dem kniffligen Kunstschnee von Yanqing habe eigentlich alles gepasst: Material, Form, Plan. Sogar die Leistung, wie Techniktrainer Georg Harzl fand: „Das war zu 90 Prozent gut, zehn Prozent waren nicht so gut.“ Zehn Prozent zu viel. sid/dpa