Was für ein Slalom! Was für ein Drama! Ganz gleich, ob Lena Dürr, Mikaela Shiffrin, Petra Vlhova, Wendy Holdener oder Sara Hector – man könnte zu allen fünf Damen nach dem emotionalen Hundertstelkrimi viele Zeilen schreiben. Über die slowakische Siegerin Vhlova, seit Jahren Einzelkämpferin, die sich ein Jahr vor Olympia im Streit von ihrem Trainer trennte und im zweiten Lauf noch von Platz acht nach vorne stürmte. Über die Schweizerin Holdener, die ewige Zweite, die es wieder nicht schaffte, aber sich im Ziel verzweifelnd doch noch auf den Bronze-Rang rettete. Über US-Superstar Shiffrin, deren System nach dem Tod ihres Vaters vor zwei Jahren nachhaltig gestört scheint und die bereits zum zweiten Mal in Peking ausschied. Oder über die Schwedin Hector, die nach ihrem Riesenslalom-Triumph, das nächste Gold vor Augen, einfädelte.
Aber die ganze Härte des Sports traf freilich Lena Dürr. Die 30-Jährige aus Germering hatte auf dem Berg Xiaohaituo die Chance ihres Lebens. Jede ihrer Zwischenzeiten im zweiten Durchgang war grün, wenngleich sie im Steilhang mit jedem Schwung mehr verkrampfte, im Ziel leuchtete rot – 0,19 Sekunden fehlten zu Gold und, fast noch bitterer, 0,07 Sekunden zu Bronze. 0,07 Sekunden, das sind nur wenige Zentimeter.
Der Blech-Platz bei Großereignissen ist vergleichbar mit einem Box-Haken, der einen auf die Bretter schickt. Leicht verkraftet das niemand, auch Dürr wird ihren Lauf gedanklich noch einige Mal abspulen. 2014 in Sotschi wurde Maria Höfl-Riesch Slalom-Vierte, sie hatte zu dem Zeitpunkt schon Gold und Bronze gewonnen, und ärgerte sich trotzdem maßlos. So gesehen sind Lenas Tränen mehr als nachvollziehbar. Zumal Dürr, die nach ihrem Weltcup-Debüt 2008 (!) als Riesch-Nachfolgerin galt, diese Hoffnung aber nicht ansatzweise erfüllen konnte, sich in dieser Saison am Höhepunkt ihres Schaffens befindet. Sie sei niemand, die ihre Leistung an Platzierungen bemisst, sagte Dürr vor ihrer Anreise. Im Weltcup mag das gelten, bei Olympia nicht, auch nicht für Dürr, das hat man deutlich gesehen. Hoch anrechnen muss man ihr, wie schnell sie – zumindest vor den Kameras – wieder den Blick nach vorne auf das Team-Event (19. Februar) wandte. Auch wenn es nur ein kleiner Trost wäre – ihre erste Olympische Medaille hätte sie sich dort mehr als verdient.
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