Peking – Mikaela Shiffrin war untröstlich. Die größte Skirennläuferin der Gegenwart vergoss bittere Tränen über ihren nächsten olympischen Albtraum in Yanqing, vor allem aber vermisste sie in diesen schweren Momenten jenen Mann, der sie so oft wieder aufgebaut hatte.
„Ich würde ihn jetzt wirklich gerne anrufen“, sagte Shiffrin über ihren Vater Jeff – und schluchzte. Denn Jeff Shiffrin kann seine Tochter nicht mehr trösten: Er starb vor zwei Jahren bei einem tragischen Unfall zuhause.
„Er würde mir wahrscheinlich sagen: Komm darüber hinweg“, erzählte Shiffrin und lachte verzweifelt, „aber er ist nicht hier, um mir das zu sagen.“ Das mache alles noch viel schlimmer. Wie konnte er sie nur so im Stich lassen? „Ich bin ziemlich sauer auf ihn“, sagte Shiffrin.
Die 26-Jährige sollte einer der Stars der Spiele von Peking werden, mehr als eine weitere Goldmedaille, ihre dritte, wurde ihr zugetraut. Doch dann: Aus am siebten Tor im Riesenslalom, Fehler am vierten Tor im Slalom, erneutes Aus beim Olympiasieg von Petra Vlhova.
„Ich habe Gas gegeben, vielleicht zu viel“, sagte sie, „vielleicht wegen des Drucks, aber da fragt man besser einen Psychologen.“ Ihre beiden besten Chancen in China: vertan. „Es fühlt sich an wie viel Arbeit für nichts.“
Doch die Amerikanerin bewies wie am Montag zumindest abseits der Piste, dass sie ein wahrer Champion ist. Sie kam zum Finale, um ihre Kolleginnen anzufeuern. Und sie ordnete das eigene Scheitern richtig ein. „Ich bin hier nur ein kleiner Tropfen in einem großen Eimer“, sagte sie.
Ihr norwegischer Lebensgefährte Aleksander Aamodt Kilde, der im Super-G bereits Bronze holte, schrieb auf Instagram eine Grußbotschaft: „Der Druck, den wir alle im Sport auf Einzelpersonen ausüben, ist enorm, also lasst uns die gleiche Unterstützung zurückgeben. Es dreht sich alles um das Gleichgewicht und wir sind ganz normale Menschen!! Ich liebe dich Kaela.“
Am Freitag im Super-G hat Shiffrin die nächste von noch bis zu vier Chancen, doch sie ist verunsichert. „Ich habe das Gefühl, dass ich vieles in Frage stellen muss.“ sid