TV-KRITIK
Herzlich willkommen zu den Olympischen Winterschwielen! Wir haben uns erneut das Gesteiß wund gesessen. Zusammen mit 279 999 anderen furchtlosen Menschen, also mit den leistungsfähigsten 0,34 Prozent der Gesamtbevölkerung, haben wir in der ARD-Olympianacht metaphysische Erfahrungen gemacht. Zwischen Trance und Sekundenschlaf schießen einem ab 2.10 Uhr kuriose Gedanken durch die Ganglien. Als Helene Fischer zum neunten Mal „Jetzt oder nie!“ geröhrt hat, haben wir uns gedacht, dass man ihren Text dringend mal auf seine Stichhaltigkeit abklopfen müsste. Was beim Helene-Check rausgekommen ist: Hier können Sie es nachlesen, auch wenn Sie zu den leistungsschwächeren 99,66 Prozent gehören.
Die Zeit ist jetzt, wir wollen aufs Ganze gehen: Da hat die Flori-Ex völlig recht. Kurz nach zwei ist jetzt die Zeit für Jessy Wellmer. Und sie geht mit klassischen kommafrei-geschmeidigen Jessy-Sätzen beim Skeleton aufs Ganze: „Was für ein Sport näh der perfekte Boris-Becker-Hecht da auf dieses Sportgerät wenn Sie den zweiten Lauf verfolgen können können Sie das tun bei uns auf sportschau.de näh.“ Ihr Fazit zu den wilden Kopf-voraus-Schorsch-Hackls: „Man muss schon etwas Verrücktheit mitbringen.“ Das gilt auch nachts für Deutschlands unerschrockene TV-Elite.
Lass’ uns diesen Weg gemeinsam gehen: Zunächst verrät die Olympiasiegerin im Winterwellmern noch, dass es sich bei Shaun White „um ne echte Legende auf dem Skateboard“ handelt, was ja auch ein wenig stimmt. White geht dann aber leer aus die Räder rutschen vielleicht hätte er im Schnee doch zum Snowboard greifen sollen aber dann sitzt schon Felix Neureuther da und sie gehen diesen Weg gemeinsam näh. (Jesses, jetzt bilden wir auch schon Wellmersätze). Die beiden üben vor dem Super-Giant-Slalom gemeinsam die Abfahrtshocke – hurra, die Skigymnastik mit Rosi und Christian ist zurück! Das liegt dem jungen Neureuther halt in den Genen, und er fordert die Jessy auf: „Du musst aerodynamisch sein!“ Apropos Gähnen: Nachdem sich Schwabenpfeil Kira Weidle letztens mit dem Bus in Schina verfahren hat, verspricht Aerodynamik-Jessy um kurz vor vier: „Das Fahren ins Olympische Dorf das ist ja auch nicht ganz unterkomplex aber zum Rennen wird sie da sein.“ Näh.
Kein Weg soll für uns zu weit sein: Der Felix fordert BR-Skispezi Bernd Schmelzer auf, das Rennen in Abfahrtshocke zu kommentieren, was der verweigert. Verständlich, er heißt ja gottlob auch nicht Bernd Hocke. Beim Super-Gigante bringt Schmelzer das Wort des Tages ins Spiel, nämlich die „Rutschphase“. Bei unserer Kira sind die Rutschphasen leider zu lang, der Weg ist für sie zu weit, heieiei. Bei Mikaela Shiffrin, für die es beim Sieg von Lara Gut erneut schlecht läuft, wird der Abfahrtshocken-Verweigerer regelrecht überkomplex: „Da ist noch nicht alles da, wo es sein soll, vom Gedankengut.“ Er verwendet Kommata in seinen Sätzen, was sich bewährt.
Morgen kann alles vorbei sein: Noch ein Treffer für Helene, denn am Morgen ist dann tatsächlich alles vorbei. Jessy erkundigt sich noch beim Felix nach seiner Kira-Weidle-Abfahrtsprognose „für Mittwoch“. Aber wir hoffen, dass sich die Kira nicht schon wieder verfährt und bereits am Dienstag ins Ziel schießt. Wichtigste Erkenntnis der Nacht ist der Unterschied zwischen „Rutschphase“ (Kira) und „Futschphrase“ (Jessy).
JÖRG HEINRICH