München – Eine Blaskapelle und viele Menschen in Trachten-Outfits warteten Samstagnacht im Terminal 1 des Münchner Flughafens auf die bisherige Königin der Peking Spiele, Natalie Geisenberger, und ihre rasenden Teamgefährten aus Oberbayern. Doch ehe die Rodler auftauchten, sah sich die aus Familienangehörigen, Freunden, Rodelfunktionären und Politikern bestehende Delegation auf eine kleine Geduldsprobe gestellt. Als sich die ersten Male die Glastür öffnete, erschienen zunächst verwunderte Passagiere mit Rollkoffern, später schlenderten auch österreichische Olympiareisende in Richtung Ausgang. Mehrmals wurden Willkommensplakate gesenkt und die Zehenspitzen wieder entlasten – bis sich die Schiebetür um kurz nach elf erneut öffnete und endlich den Blick auf die Rodelhelden freigab. Sogleich wurden Anna Berreiter, Tobias Wendl, Tobias Arlt (alle aus Berchtesgaden) und Natalie Geisenberger (Miesbach) mit nicht abreißenden Gratulationen in Empfang genommen.
„Der Flug war zum Runterkommen eigentlich lang genug, aber die Vorfreude, wieder daheim zu sein, war einfach so groß“, sagte Geisenberger mit einem Strahlen, das auch unter der Maske leicht zu erahnen war. Neben Ehemann Markus freute sich die 34-Jährige vor allem auf Sohn Leo (2). „Der schläft wahrscheinlich gerade, zu Hause lege ich mich zu ihm ins Bett.“
Mit ihren Goldmedaillen im Einsitzer und der Staffel hat sie nun insgesamt sechs Siege bei Winterspielen vorzuweisen und ist damit Deutschlands erfolgreichste Olympionikin überhaupt. Eigentlich falle es ihr schwer, Erfolge miteinander zu vergleichen, merkte sie angesichts ihrer glorreichen Gesamtbilanz an. Der besondere Charakter des jüngsten Doppelschlags wurde in den Ausführungen der 34-Jährigen dennoch klar: „Sotschi, das war die Erfüllung eines Kindheitstraums; da habe ich das erste Mal Gold holt. In Pyeongchang 2018 war es wichtig, das zu bestätigen – es ist oft schwerer, wie es das erste Mal zu schaffen. Aber jetzt als Mutter, das war das Emotionalste, ich habe wirklich Rotz und Wasser geheult.“ Erst einen Weltcupsieg hatte die einstige Seriensiegerin in diesem Winter vorzuweisen, der zweiten Saison nach ihrer Babypause. „Ich habe gehofft, dass ich in Peking vorne mit dabei bin, aber damit war nicht zu rechnen“, sagte sie.
Am nachdrücklichsten in Erinnerung bleiben werde ihr der Hundertstelkrimi in der Staffel, „aber auch die Angst vor der Kurve 13“. Während des Weltcups im November war sie dort zweimal gestürzt, bei Winterspielen noch mal im Training. Für den Kopf war das nicht leicht: „Ich wusste, dass da ein Traum innerhalb von einer Zehntelsekunde zerplatzen kann. Deswegen war das jedes Mal eine riesen Erleichterung, wenn man da unten durchgekommen ist.“
Wie es mit ihrem Leben und vor allem ihrer Sportkarriere weitergeht, ließ die Rodlerin offen. „Ich habe noch überhaupt keine Lust, mich damit zu beschäftigen. Am Ende der Saison werde ich mich mit der Familie zusammensetzen und eine Entscheidung treffen.“ Eine weitere Weltcupsaison ist also nicht ausgeschlossen, die kommenden Olympischen Spiele in Cortina d’Ampezzo vermutlich schon.