Peking/München – Der Modus des olympischen Eishockey-Turniers ist speziell: Man kann in der Vorrunde alle Spiele verlieren und dennoch ein paar Tage später die Goldmedaille um den Hals hängen haben. Denn alle zwölf Teilnehmer erreichen die K.o.-Runde, einen kleinen Vorteil haben nur die drei Gruppensieger (USA, Russland, Finnland) und der beste der Zweiten (Schweden), sie ziehen direkt ins Viertelfinale ein. Die anderen müssen in die Qualifikation am Dienstag – unter ihnen: Deutschland. Gegner: die Slowakei. Ihr ist man vergangene Woche in Peking in einem Trainingsspiel über zweimal dreißig Minuten begegnet. Die Deutschen gewannen 5:3.
Korbinian Holzer, der erfahrene Verteidiger, äußert sich sehr optimistisch: Die Slowakei sei „ein Gegner auf Augenhöhe“, doch man habe im Verlauf des bisherigen Turniers nun allmählich zu sich gefunden. Zum 2:3 gegen die USA am Sonntag sagte Holzer: „Es war unser bestes Spiel. Mit Emotion, Speed, wir haben geradlinig gespielt und die Scheiben zum Tor gebracht.“ Davon hatte beim 1:5 zum Auftakt gegen Kanada überhaupt nicht die Rede sein können und beim 3:2 am Samstag gegen China nur phasenweise. Gegen die USA riss sich die deutsche Mannschaft sicht- und spürbar am Riemen, dennoch ist die Bilanz der Vorrunde enttäuschend.
China war, obwohl es mit eingebürgerten Nordamerikanern auflief, krasser Außenseiter und blieb gegen USA (0:8) und Kanada (0:5) torlos – gegen Deutschland indes gelang nach schnellem 0:3-Rückstand eine kleine Aufholjagd zum 2:3, Söderholm sah sein Team unerwartet „im Kampfmodus“. Kanada und USA, die am stärksten betroffen waren von der Olympia-Absage der NHL, hatten als greifbar für die deutsche Mannschaft gegolten. Für die DEB-Auswahl schien der Gruppensieg machbar. Mit drei Punkten aus drei Spielen und negativer Tordifferenz (6:10) hat sie underperformt.
Bei der WM 2019 in der Slowakei 2021 in Lettland waren die deutschen Cracks mit dem Anspruch aufgetreten, die Konkurrenz mit spielerischen Mitteln auseinanderzunehmen. In Peking steht sie in dieser Hinsicht neben den Schlittschuhen.
Klar ist, dass es bei diesen Olympischen Spielen „über den Teamspirit geht“, wie die Leitfigur Korbinian Holzer sagt. Da hat der für Mannheim spielende Tölzer recht: Es kann sich noch etwas entwickeln in diesem Turnier, und gegen die jungen Amerikaner ist es der deutschen Mannschaft zumindest gelungen, energisch und aufopferungsvoll aufzutreten. Verteidiger Marcel Brandt blockte im ersten Drittel einen US-Schuss aus kurzer Distanz mit dem Tiefschutz (und spielte weiter), Nico Krämmer, der ins Team rückte (Söderholm hatte Daniel Pietta und David Wolf auf die Tribüne gesetzt, formierte seine Sturmreihen neu), holte sich eine blutige Lippe – die Hingabe war wieder da.
Nach zwei Minuten gelang dem Münchner Patrick Hager im Powerplay das 1:0, doch das beeindruckte die mentalrobusten College-Boys aus den USA nicht. Sie glichen durch Steven Kampfer bei erster Gelegenheit aus (5.), und Matt Knies drehte die Partie in der 25. Minute mit dem 2:1. Bei Deutschland im Tor stand der Silberheld von 2018, Danny Aus den Birken – vor dem Gegentreffer hatte er seinen Stock verloren, ein Malheur, das ihm auch in der Liga mit München kürzlich widerfahren war.
Tom Kühnhackl brachte das DEB-Team in der 58. Minute auf 2:3 heran, Söderholm ließ die zwei Schlussminuten ohne Torwart stürmen. Vergeblich. Aber dank des großzügigen Olympia-Modus war der Druck noch nicht ultimativ. Ab Dienstag wird er es sein. Alles oder nichts.