TV-KRITIK
Olympia gilt ja als die größte Sportveranstaltung der Welt. Aber nach zehn Tagen Schina-Schauen haben wir den Verdacht: Es handelt sich vor allem um die größte Wortveranstaltung. Bei ARD und ZDF wird in Sendungen wie der „Wortschau“, dem „Wortstudio“ oder „Blickpunkt Wort“ mehr geredet als bei einem Ehestreit von Lothar Matthäus. Wir haben vor Jahren mit der Stoppuhr gemessen: Das Öffi-Olympia besteht zu 45 Prozent aus Sport und zu 59 Prozent aus Wort. Für die zusätzlichen 4 Prozent Reden war damals noch Gerhard Delling zuständig. Heutzutage plaudern emsige Winterwortmoderatorinnen wie Jessy Wellmer oder KMH eher noch mehr als damals. Wir stellen Ihnen die wichtigsten Wortarten vor.
Servicedurchsagen: Weil die Olympiazuschauer bei den Sendern grundsätzlich als betreuungsbedürftig gelten, muss ihnen ständig erklärt werden, was als nächstes passiert. Das klingt dann so, dass sich Jessy beim Frühwort um 5.50 Uhr an den umnachteten Zuseher schmiegt und gurrt: „Wir haben ‘n paar Termine für Sie schon mal so zärtlich notiert.“ Alternativ verrät Katrin Müller-Hohenstein von der Stiftung Deutsche Worthilfe: „Es ist sooooooo viel Sport, das können Sie sich alles mal ganz in Ruhe anschauen.“ Ohne solche zärtlichen Hinweise wären die Zuschauer hilflos und würden zu „Lüstern jodelt die Lederhose“ im Heimatkanal umschalten, und das will keiner.
Gespräche: Extremwortler wie KMH wissen genau, dass die Menschen vor allem wegen der Gespräche Olympia schauen. Deshalb jubeln sie so, wenn jemand zum Reden reinschneit: „Wenn es um Biathlon geht, ist natürlich Laura Dahlmeier auch nicht weit!“ Nachdem Katrin dann über Martin Fourcade geredet hat, erzählt Laura, dass sie auch schon öfter mit Martin Fourcade geredet hat: „Ich hab mich immer gfreut, wenn ich ihn troffen hab.“ (Gottlob nicht mit dem Gewehr). Um so bitterer ist es, dass Jessy mit Winterwortidol Felix Neureuther nur noch eine Fernbeziehung führen kann. Denn die Wortskanone aus Garmisch wurde Sonntagfrüh positiv auf Corona getestet, meldete sich aber guter Dinge aus dem Quarantäne-Hotel: „Mir geht’s super, also alles gut. Schade, dass wir getrennt sind, Jessy.“ Rosi, sag mal, kann es sein, dass Dein Bub da geschwindelt hat?
Lustige Interviews: Nach unserem Langlauf-Staffelsilber am Samstag hatte ZDF-Wortreporter Peter Leissl den Verdacht, dass vielleicht sogar Gold drin gewesen wäre. Deshalb hakte er nach bei Victoria Carl, die das Gewinnen ja eigentlich im Namen trägt: „Haben Sie alles aus sich rausgeholt heute, was irgendwie nur ging?“ Da würde man sich so sehr wünschen, dass die Winterwortlerin antwortet: „Da wär schon noch mehr gegangen. Aber für das bisserl Geld, das wir dafür kriegen, lohnt sich das einfach nicht. Außerdem kann ich die anderen drei Weiber eh nicht leiden.“
Verwirrendes: Bei der Siegerhymne der Russinnen, bei denen sich alle vier angestrengt haben, bewies Leissl dann, dass auch landestypische Kulturhinweise beim Fernsehworteln unverzichtbar sind: „Tschaikowskis Klavierkonzert, durchaus auch erhebend.“ Winterwortroutinier Rudi Cerne vertiefte das Thema daraufhin und ergänzte vor der nächsten Servicedurchsage: „Zur Siegerehrung hörten wir das Klavierkonzert von Rachmaninow, auch was Außergewöhnliches.“ Sie merken, liebe Freunde des Winterworts: Tschaikowski, Rachmaninow – egal, Hauptsache schön Berg!
JÖRG HEINRICH