„Wir sind natürlich jetzt heiß“

von Redaktion

Sensationssilber im Langlauf, Neises Goldcoup und Geigers Ansage nach Bronze

München/Peking – Das Olympia-Wochenende hat Team Deutschland drei Medaillen beschert. Hannah Neise überraschte mit Gold im Skeleton sogar den eigenen Verband, Skispringer Karl Geiger brüllte sich zu Bronze und die deutschen Langläuferinnen beendeten mit Silber in der Staffel eine lange Durststrecke. Was hat eine Englischstunde mit Neises Goldcoup zu tun? Warum vergleicht sich Geiger mit einem Küken? Und starten die deutschen Langläufer jetzt wieder durch? Die Geschichten hinter den Medaillengewinnern in unserer Zusammenfassung.

Neises Gold-Märchen im Eiskanal

In der Nacht nach ihrer Sensations-Fahrt zum Olympiasieg ließ es Hannah Neise mal richtig krachen. „Ich bin erst nach sechs Uhr ins Bett. Ich denke, das ist verständlich. Es tat echt gut, die Saison ausklingen zu lassen“, sagte Deutschlands erste Goldmedaillengewinnerin im Skeleton. Allein der Weg zu ihrem Triumph hat die 21-Jährige so viele Nerven gekostet, dass er der Medaille einen noch größeren Glanz verleiht. Erst drei Wochen vor Beginn der Winterspiele in China hatte Neise durch einen achten Platz im Weltcup von St. Moritz die Qualifikation gepackt. Am nächsten Morgen wurde sie positiv auf das Coronavirus getestet. „Da ist für mich eine Welt untergegangen. Aber ich habe schnell gelernt, damit umzugehen. Das hat mir auch für Olympia viel gebracht“, sagte die Sauerländerin. Um halbwegs fit zu bleiben, hat sie ihren Körper „mit Vitaminen vollgepumpt“.

Die Verbandsspitze schaut so verblüfft wie begeistert auf die deutsche Dominanz im Eiskanal. „Ich bin ja nun schon lange dabei, aber das habe ich noch nie erlebt“, sagte Thomas Schwab, Vorstandschef und Sportdirektor im Bob- und Schlittenverband für Deutschland. Sechs Rennen, sechs Siege – nach den vier Goldmedaillen der Rodler setzte Neise die deutschen Festspiele im Sliding Centre im Skeleton nahtlos fort. Dass das Sauerland in Neise überhaupt eine Olympiasiegerin stellt, hat viel mit einer Englischstunde vor etwa zehn Jahren zu tun. „Ich war in der siebten Klasse und in der Schule hat man nach Talenten gesucht. Dafür musste man 20 Kilometer nach Winterberg fahren“, berichtete Neise. „Da habe ich gesagt, dass ich gerne mit würde, weil mir für Englisch eine Unterschrift fehlte und ich die unangenehme Situation vermeiden wollte. Da habe ich mich da reingedrängt.“

Langlauf: „Happy End“ nach Jahren des Leidens

Auch einen Tag nach dem größten deutschen Langlauf-Erfolg bei Olympia seit zwölf Jahren leuchteten die Augen von Katharina Hennig, Katherine Sauerbrey, Victoria Carl und Schlussläuferin Sofie Krehl vor Freude. „Wir haben alle gestern eine Sechs gewürfelt“, sagte Carl auf einer Pressekonferenz des deutschen Teams am Sonntag. Ihr Lächeln war auch hinter der Maske deutlich zu erkennen. Mit dem Gewinn der olympischen Silbermedaille in einem der packendsten Langlauf-Rennen der jüngeren Vergangenheit war der Frauen-Staffel tags zuvor ein echter Coup gelungen. Nach Jahren des sportlichen Leidens und der Rückschläge bei Großereignissen brachte Hennig die besondere Bedeutung des Erfolgs auf den Punkt. „Es macht wahnsinnig viel aus. Es ist einfach schön, wenn man irgendwann auch mal für die harte Arbeit belohnt wird“, sagte die 25-Jährige. Teamchef Peter Schlickenrieder sprach mit Blick auf das enge Rennen von einem „Krimi mit Happy End“ und einer „Sensation“. Nach zwischenzeitlich großem Abstand auf die Plätze drei und vier rettete Krehl am Ende einen Vorsprung von 2,5 Sekunden auf die drittplatzierten Schwedinnen und drei Sekunden auf Finnland „auf der letzten Rille“ ins Ziel, wie es Schlickenrieder formulierte. „Die Mädels haben ein großes Ausrufezeichen gesetzt für eine große starke Mannschaft, wo ganz viele mithelfen, dass es funktioniert“, sagte Schlickenrieder. Der beeindruckende Auftritt des Frauen-Quartetts soll erst der Anfang sein. Schlickenrieder hofft auf einen langfristigen Effekt für seine Sportart.

„Ich glaube, dass wir noch sehr viel leistungsfähiger sind“, sagte er. Nach dem fünften Platz der Männer-Staffel am Sonntag stehen bei den Winterspielen noch vier Wettbewerbe für seine Mannschaft auf dem Programm. Auch für den Teamsprint am Mittwoch machen sich die Deutschen nun Hoffungen. Wir sind natürlich jetzt heiß, keine Frage“, sagte Hennig und sagte dann einen Satz, den sie schon vor Staffel-Silber ausgesprochen hatte: „Wir werden wieder kämpfen wie die Schweine.“

Geiger nach Bronze: „Sind noch nicht fertig“

Als Karl Geiger endlich seine Bronzemedaille in Empfang nahm, herrschte auf der Medal Plaza in Zhangjiakou wildes Schneegestöber. Mit roter Mütze und dick eingepackt erschien der Oberstdorfer am späten Sonntag zur Siegerehrung, einen Schnupfen kann er schließlich so gar nicht gebrauchen. „Wir sind hier noch nicht fertig“, kündigte Geiger an – schon heute hofft er im Teamwettkampf auf das goldene Happy End eines olympischen Märchens. „Die Bronzene funkelt mehr als Gold“, sagte Geiger über seine Rückkehr in die Weltspitze.. „Mir ging es richtig dreckig. Ich hatte keine Ahnung, was ich hier noch zu suchen habe“, sagte der Skiflug-Weltmeister über Pleiten, Pech und Pannen in der ersten Woche: „Also habe ich bei Null angefangen. Wie ein neugeborenes Küken: Aus dem Ei schlüpfen und loslegen.“ Und es funktionierte. Geiger steigerte sich von Sprung zu Sprung, um dann im Wettkampf seine Bestleistung abzurufen. Zweimal 138,0 m reichten, um hinter dem Norweger Marius Lindvik und Topfavorit Ryoyu Kobayashi die erste olympische Einzel-Medaille seiner Karriere zu holen.  sid/dpa

Artikel 1 von 11