Shiffrins Olympia-Tief

In den Tälern des Lebens

von Redaktion

MATHIAS MÜLLER

Mikaela Shiffrin wusste schon als Fünfjährige, was sie will: die beste Skifahrerin der Welt werden. Die Familie opferte viel dafür. Mutter Eileen, die sie bei fast jedem Weltcup begleitet, ist verantwortlich für ihre unverwechselbar perfekte Skitechnik. Vater Jeff kümmerte sich um die Organisation und war ihr mentaler Kompass. „Arbeite hart, sei nett, denke zuerst und habe Spaß“ – so war sein Credo.

Mikaela hielt sich daran und eroberte den Weltcup nach ihrem Debüt 2011 wie im Sturm. Das galt insbesondere für den Slalom. Vom 15. November 2014 bis zum 14. Januar 2020 startete die Überfliegerin in 55 Rennen. 43 davon gewann sie, vier Mal wurde sie Zweite. Einer der Höhepunkte war die WM 2017, als Shiffrin mit 1,67 Sekunden Vorsprung siegte.

Ausgeschieden ist sie in dieser Zeit nur zwei Mal. In Peking hat sie dieses Missgeschick drei Mal in fünf Rennen ereilt. Der 14. Januar ist deshalb ein wichtiges Datum, weil eine Woche später ihr Vater mit 65 Jahren bei einem Haushaltsunfall tragisch ums Leben kam. Für Shiffrin ein Schock, der sie aus der Bahn warf.

Erst Monate später kehrte sie zurück, gewann auch wieder Rennen, die überbordende Dominanz ist aber verschwunden. Ebenso der unbekümmerte Jung-Star. Sie frage sich fast jeden Tag, ob sie ihre Karriere beenden sollte, bekannte Shiffrin kürzlich. Mit nun 26 Jahren hat sie erste Täler in ihrem Leben durchschritten.

Peking bildet aus sportlicher Sicht sicher den Tiefpunkt. Warum sie, die es so unnachahmlich versteht, wie auf Schienen die Hänge hinunter zu gleiten, bei drei Rennen jeweils nach nur wenigen Toren einfädelte, kann niemand erklären. Auch Shiffrin selbst nicht. Wie sie damit umgeht, ist jedoch großartig.

Im größten Zorn und Ärger findet sie klare Worte und stellt sich den Herausforderungen. Am Samstag im Team-Wettbewerb startet sie einen letzten Medaillen-Versuch. Für sich und vielleicht auch für ihren Vater Jeff, dessen Tod sich zwei Tage vor Beginn der Spiele zum zweiten Mal jährte.

Es gab Zeiten, da dachte man, Shiffrin sei nicht von dieser Welt. Dass dem nicht so ist, haben die vergangenen zwei Jahre gezeigt. Auch sie selbst sagte vor ein paar Tagen: „Ja, ich bin menschlich.“

Mathias.Mueller@ovb.net

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