Eishockey ohne Russland

von Redaktion

Wegen Putins Krieg steht die große Nation vor dem Rauswurf aus der IIHF

VON GÜNTER KLEIN

München – Wladimir Putin liebt Eishockey, noch im Mai 2021 ist er bei einer Legendennacht in Sotschi neben den einst Größten dieses Sports als Mittelstürmer (was sonst?) aufgetreten. Die Mit- und Gegenspieler wissen Bescheid: Dem Präsidenten ist die Scheibe aufzulegen, freie Bahn zu gewähren, der Torwart hat seinen Schüssen auszuweichen. Am Ende nimmt Putin gerne einen Pokal entgegen, weil er der „Most Valuable Player“ war. Ein jetzt in den sozialen Medien wieder hervorgekramter Clip ist am Wochenende zum Hit geworden: Er zeigt Putin auf einer Ehrenrunde, auf der er einen roten Teppich übersieht – und dilettantisch stürzt.

Putins Einfluss aufs russische Eishockey ist gewaltig. In seinem Zorn über eine Nicht-Meisterschaft seines Lieblingsclubs SKA St. Petersburg oder das Misslingen eines Olympia- oder WM-Turniers der Nationalmannschaft hat er schon mal die Trainer feuern lassen. Doch mit den Problemen von sportlichem Misserfolg wird er sich nicht mehr befassen müssen: Denn Russlands Eishockey steht vor der internationalen Isolation.

Die U 20-WM 2022/23 in Nowosibirsk wurde Russland vom Council des Weltverbands IIHF entzogen, noch keine Entscheidung fiel, ob die A-WM 2023 in St. Petersburg bleiben kann. Bis August sind alle russischen Nationalmannschaften gesperrt, ebenso die belarussichen, was bedeutet: Die WM 2022 in Finnland wird ohne diese beiden Teams ausgetragen. Der Schweizerische Eishockey-Verband war am Sonntag mit einer Erklärung vorgeprescht, forderte den sofortigen Ausschluss von Russlands und Weißrusslands Verband sowie allen ihren Funktionären aus der IIHF und die Aufkündigung der Zusammenarbeit mit der russisch dominierten Kontinental Hockey League (KHL), die dadurch zur wilden Liga würde. Der Deutsche Eishockey-Bund (DEB) stellte sich an die Seite der baltischen Staaten, die ähnliche Forderungen erhoben. DEB-Präsident Franz Reindl: „Solange dieser unfassbare Krieg nicht aufhört, kann auch der Sport nicht einfach weitermachen.“

Die KHL wird in ihren Expansionsbestrebungen – sie wollte das europäische Pendant zur nordamerikanischen NHL werden – empfindlich gebremst. Das lettische Team Dinamo Riga erklärte seinen Austritt, Jokerit Helsinki wird nicht zu den Playoffs antreten. Den finnischen Topverein hatte die KHL 2014 abwerben können. Die Hartwall Arena in Helsinki gehört drei russischen Oligarchen (Arkadi und Boris Rotenberg, Gennady Timtschenko). Doch nun steuert Geschäftsführer Jari Kurri, einstiger NHL-Star der Edmonton Oilers, dem Kurs der Besitzer gegen. Die Fans wollen ohnehin die Rückkehr in die finnische Liga.

Das 13 000 Zuschauer fassende Stadion in Helsinki sollte auch bei der WM 2022 bespielt werden. Dagegen wehren sich wegen der Besitzerkonstellation IIHF-Mitgliedsverbände. Der finnische Verband wird die Spiele wohl nach Turku verlegen.

Seinen größten Fan in der IIHF hat Putin verloren: Der Schweizer René Fasel, der im Mai das Legendenspiel mit Putin pfiff, ist nach 27 Jahren als Eishockey-Weltpräsident nicht mehr angetreten. Sein Nachfolger Luc Tardif, Frankokanadier, ist der Mann der Nordamerikaner.

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