„Der Imageverlust ist gravierend“

von Redaktion

Bernd Neuendorf, Favorit auf den Posten als DFB-Präsident, über die Kampfabstimmung, Katar und Kompetenzen

Frankfurt – Am 11. März wird in Bonn ein neuer DFB-Präsident gewählt. In einer Kampfabstimmung treten Peter Peters (59) und Bernd Neuendorf (60) an. Der SPD-Politiker und Präsident des Fußballverbandes Mittelrhein gilt als Favorit, da er das Amateurlager hinter sich haben soll. Das Interview mit dem Ex-Journalisten und Sprecher der Kanzlerschaft von Gerhard Schröder.

Herr Neuendorf, stimmt es, dass Sie wahrscheinlich wunderbar entspannte Jahre hinter sich haben, seit Sie 2017 aus der Politik ausgeschieden sind? Warum wollen Sie sich nun diesen Schleudersitz antun?

Das Amt des DFB-Präsidenten ist nichts, was man sich antut. Es bringt eine Menge Verantwortung und unterschiedliche Herausforderungen mit sich. Wegen der Querelen an der Spitze des Verbandes ist die gute Arbeit des DFB mit seinen wichtigen Initiativen und Projekten leider völlig in den Hintergrund getreten. Ich will, dass unsere Kernkompetenz, die Entwicklung des Fußballs in Deutschland, wieder in den Mittelpunkt gerückt wird.

Die drei DFB-Präsidenten vor Ihnen mussten allesamt nach einer Mini-Amtszeit zwischen anderthalb bis höchstens dreieinhalb Jahren unehrenhaft zurücktreten und haben sich ihren Ruf versaut. Was macht Sie optimistisch, dass Ihnen das nicht passiert, sollten Sie gewählt werden?

Jeder muss seinen eigenen Weg finden. Ich will auf jeden Fall authentisch bleiben, zuhören, ehrliches Interesse zeigen. Ich glaube, dass wir im Fall meiner Wahl mit einer echten Neuaufstellung an der Spitze des Verbandes eine gute Chance haben, den DFB in ruhigeres Fahrwasser zu führen.

Im November geht es zur WM nach Katar. DFB-Direktor Oliver Bierhoff hat bereits zu erkennen gegeben, dass sich zum Thema Menschenrechte vor allem der Präsident äußern soll. Stimmen Sie zu?

Klar ist, dass der DFB eine aktive Verantwortung hat, sich zu positionieren. In der DFB-Satzung sind klare Maßstäbe formuliert, an denen der Verband seine Arbeit auszurichten hat. Ich werde im Falle meiner Wahl im DFB mit allen Beteiligten über das Thema Katar sprechen.

Ist die Empörung über eine WM in Katar nach Ihrer Meinung berechtigt oder wird die moralische Latte zu hoch angelegt?

Die Vergabe der WM nach Katar ist mit Blick auf die Menschenrechtslage und auch hinsichtlich des Themas Nachhaltigkeit für meine Begriffe sehr problematisch. Die Kriterien hinsichtlich der Vergabe von großen Turnieren müssen gründlich überdacht werden. Alles andere schadet dem Fußball.

Man hört in Sonntagsreden immer wieder, es gäbe „nur einen Fußball“. Aber ist das angesichts der Lebenswirklichkeiten an der Basis und ganz oben nicht kompletter Unfug?

Nein, überhaupt nicht. Natürlich gibt es unterschiedliche Lebenswelten – vom Freizeitkicker bis zum Profi. Ich bleibe aber dabei: Fußball an der Basis und an der Spitze funktioniert nur, wenn er zusammen gedacht wird.

Wäre es nicht eine wunderbare Botschaft nach innen in den Verband hinein und nach außen in die Gesellschaft und Politik hinaus gewesen, den DFB mit einer vertrauensvoll zusammenarbeitenden Doppelspitze aus Mann und Frau in die Zukunft zu führen?

Das kann man sicher so sehen. Es gab im DFB nach dem Rücktritt von Fritz Keller aber einen breiten Konsens, dass die Präsidentin oder der Präsident künftig wieder mit einer Richtlinienkompetenz ausgestattet sein muss. Eine Richtlinienkompetenz ist aber nicht teilbar.

In einigen Medien wird gemutmaßt, hinter den Kulissen habe die SPD-Connection Rainer Koch, der Präsident aus Bayern, der hessische Präsident Stefan Reuß und Sie als Präsident des Mittelrheins ihr Netzwerk gespannt und alles schon für Ihre Wahl eingetütet. Was sagen Sie zu diesem Vorwurf?

Wir leben eigentlich nicht mehr im Zeitalter der Mythen und Sagen. Diese Berichte entbehren jeder Grundlage. Ich habe breite Zustimmung seitens der Konferenz der Regional- und Landesverbandspräsidenten erfahren. Ein kurzer Blick auf die Vita der Personen reicht eigentlich aus, um zu erkennen, dass hier beileibe nicht nur Sozialdemokraten vertreten sind. Um es klar zu sagen: Das Ganze hat mit Parteipolitik rein gar nichts zu tun.

Peters rügt ein „Klima der Angst“ im DFB und macht vor allem Koch dafür verantwortlich. Einen solchen fundamentalen Vorwurf denkt sich doch niemand aus bösem Willen einfach aus. Wie empfinden Sie die Atmosphäre?

An der Spitze des DFB hat es in den letzten Jahren erkennbar nicht harmoniert. Der Imageverlust ist gravierend. Die allgemeine Erwartung und auch mein Ziel ist es, dass beim DFB wieder Ruhe einkehrt.

Sie haben beim DFB-Bundestag am 11. März ein Heimspiel an Ihrem Wohnort Bonn. Hätte man nicht besser vermieden, überhaupt den Anschein zu erwecken, als könnte Strategie dahinterstecken, vom neutralen Tagungsort Frankfurt wegen der dortigen Corona-Auflagen ausgerechnet nach Bonn zu gehen mit der Veranstaltung?

Das DFB-Präsidium hat hierzu unter Beteiligung von Peter Peters einen Beschluss gefasst. Es hat meines Wissens keinerlei Einwände gegeben. Ich wurde über die Entscheidung anschließend in Kenntnis gesetzt. Der DFB ist per Satzung verpflichtet, fristgerecht – das bedeutet sechs Wochen vor dem Bundestag – einzuladen. Zu diesem Zeitpunkt wäre aufgrund der geltenden Corona-Verordnung in Frankfurt als ursprünglich geplantem Ort eine Präsenzveranstaltung in entsprechender Größenordnung nicht möglich gewesen. Ich bin sicher, dass der Ort keinerlei Einfluss auf das Ergebnis haben wird.

Was halten Sie davon, dass erstmals geheime Wahlen im herrschaftlich strukturierten Deutschen Fußball-Bund stattfinden sollen?

In der Satzung des DFB sind geheime Wahlen doch ausdrücklich vorgesehen. Der Bundestag kann sich für eine offene Wahl entscheiden, wenn es nur einen Kandidaten gibt. Das ist das Recht der anwesenden Delegierten. Zwingend ist eine geheime Wahl aber, wenn für eine bestimmte Position zwei oder mehr Kandidatinnen und Kandidaten antreten.

Würden Sie es begrüßen, dass so etwas wie eine echte Debatte beim Bundestag stattfindet?

Ich wüsste nicht, wer auf dem Bundestag echte Debatten verhindert. Jeder und jede Delegierte hat Rederecht und kann davon Gebrauch machen. Das gehört für mich ganz selbstverständlich zum Wesen eines Verbandes und ist ein normaler demokratischer Prozess.

Interview: Jan-Christian Müller

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