Russland bei den Paralympics

Zeichen der Zeit ignoriert

von Redaktion

ARMIN GIBIS

Rein menschlich gesehen ist die Entscheidung des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC), die Sportler aus Russland und Belarus nicht auszuschließen, durchaus nachvollziehbar. Schließlich müssen Menschen mit Behinderung ein hartes Schicksal meistern, sie müssen Einschränkungen und Nachteile hinnehmen, sie zählen zu den Schwächsten, zu denen, die der Hilfe und Unterstützung bedürfen. Das Motto kann nur lauten: Inklusion statt Exklusion. Ganz besonders auch im paralympischen Sport, der mit seinen Spielen die Gelegenheit bietet, große Träume zu verwirklichen. Der Ausschluss von Paralympischen Spielen wäre also mit ganz besonderen Härten verbunden.

Und trotzdem hätte der IPC-Präsident Andrew Parsons mit eiserner, weltweit demonstrierter Konsequenz vorgehen müssen. Er hätte den Paralympics-Sportlern nicht das Startrecht für Peking gewähren dürfen. So schwer das auch fallen mag.

Parsons berief sich auf die politische Neutralität. Und erinnerte dabei an IOC-Präsident Thomas Bach, der sich im Umgang mit Diktatoren bevorzugt auf diese Argumentation zurückzieht. Und prinzipiell ist es ja auch richtig, dass sich der Sport nicht vor den Karren der Politik spannen lassen darf. Doch nun, da es um Krieg und Frieden geht, um Leben und Tod, da darf es keine Neutralität geben. Sondern nur die geschlossene Solidarität mit der Ukraine. Und damit die Ächtung des Aggressors Russland. Fast der gesamte Weltsport – sogar die FIFA – hat diese Zeichen der Zeit verstanden. Nur eben IPC-Chef Parsons nicht. Sein Alleingang ist nicht nur ein Affront gegen die globale Übereinkunft des Russland-Banns; er hat zudem zur Folge, dass in Peking ukrainische Sportler auf russische Kontrahenten treffen. Für viele Betroffene höchstwahrscheinlich eine inakzeptable Zumutung.

Man mag sich da noch so sehr in olympischem Idealismus üben und auf die völkerverständigende Kraft des Sports setzen – aber in diesen unfriedlichen Zeiten ist das nichts anderes als naives Wunschdenken. Statt der von Parsons eingeforderten politischen Neutralität droht nun durch die Zulassung von Russland und Belarus die Umkehrung dieses Vorhabens: die Politisierung der Peking-Paralympics. Und hier kann man sich nur Karl Quade, dem Chef de Mission der deutschen Paralympics-Sportler, anschließen. Seine erste Reaktion auf Parsons Entscheidung: „Ich schäme mich zutiefst.“

Armin.Gibis@ovb.net

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