London – Als Roman Abramowitsch das große Beben lostrat, war Thomas Tuchel mit seinen Gedanken eigentlich ganz woanders. Die Nachricht, dass die Ära des russischen Oligarchen beim FC Chelsea endet, erreichte den deutschen Teammanager kurz bevor der Ball über den Rasen des Kenilworth Road Stadiums rollte.
„Vielleicht habe ich es etwas früher gehört als Sie, aber immer noch kurz vor dem Anpfiff“, erklärte Tuchel nach dem holprigen 3:2 (1:2) beim Zweitligisten Luton Town im FA-Cup-Achtelfinale. Die Gerüchte, dass Abramowitsch den Champions-League-Sieger verkaufen will, habe auch er „ im Fernsehen gesehen“.
Am Abend beendete Abramowitsch die Gerüchte, der Druck nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine wurde zu groß. Zuvor hatte der 55-Jährige die Kontrolle an Treuhänder abgeben wollen, nach fast 20 Jahren verkündete er nun aber den Verkauf. Mit dem Erlös wolle er die Opfer des Krieges in der Ukraine unterstützen.
Es „schmerzt mich, mich auf diese Weise vom Club zu trennen“, betonte Abramowitsch, dem eine Nähe zu Russlands Präsident Putin nachgesagt wird, in einem Statement. Es sei jedoch „im besten Interesse“ Chelseas.
„Haltet die Uhren an“, verkündete der „Guardian“, als die neue Zeitrechnung beim Club-Weltmeister begann. Der „seismische Moment“ (BBC) schien auch das Team um die Nationalspieler Kai Havertz, Antonio Rüdiger und Timo Werner merklich zu erschüttern. Nur mit Mühe verhinderte der Favorit das Aus im FA-Cup. „Wir leben nicht auf einer Insel. Die Spieler haben Internet, einige sind besorgter“, sagte Tuchel danach: „Am selben Tag ein Spiel zu bestreiten, bei dem die Konzentration absolut entscheidend ist“, sei „nicht so einfach.“
Chelsea ohne Abramowitsch – das kann sich auch Tuchel nur schwer vorstellen: „Es ist noch nicht richtig bei mir angekommen, dass das zu Ende sein wird. Es ist eine massive Veränderung.“ Eine, die unklare Folgen hat.
Denn seit dem Kauf 2003 hatte Abramowitsch den Club mit großen Investitionen unterstützt. Es folgten zahlreiche Titel, darunter zweimal die Champions League sowie fünf englische Meisterschaften. Doch wie andere Oligarchen geriet auch Abramowitsch während des Krieges in den Blickpunkt. Zwar bestreitet er Verbindungen zu Putin, aber im englischen Parlament wurden bereits Sanktionen für Abramowitsch gefordert.
Dieser verlange unterdessen keine Rückzahlung von Darlehen bei Chelsea, ging es ihm doch immer um „pure Leidenschaft“. Als möglichen Käufer brachte sich der Schweizer Milliardär Hansjörg Wyss bereits ins Gespräch.
Tuchel hofft währenddessen „auf das Beste“, Angst vor Veränderung habe er keine: „Ich sorge mich nicht, da ich mich immer noch privilegiert und an einem guten Ort fühle.“ sid