München – Seit fast vier Jahren verliert der EHC München alle seine Heimspiele gegen die Adler Mannheim, vorige Saison gab es eine Partie, die auch anders hätte ausgehen können. Die Münchner hatten sich in die Verlängerung gerettet – doch in der erfolgte der große Auftritt von Mannheims Kapitän Ben Smith: Aus fast unmöglichem Winkel zauberte er die Scheibe ins Eck des EHC-Tores. Stille Bewunderung auf Münchner Seite: Cool, solch ein Kunststück in solch einem Moment anzubringen. Der US-Amerikaner Ben Smith schien zu verkörpern, was dem EHC (letzter Titel 2018) fehlte.
Wie einen Typen wie Smith kriegen? Der EHC handelte auf dem direkten Weg: Er warb das Original ab. Der Vertrag von Smith in Mannheim lief nach drei Jahren aus, die Adler hielten eine Verlängerung für Formsache, außerdem glaubten sie, als Kapitän sehe der Spieler sich in der moralischen Pflicht, bei seiner Mannschaft zu bleiben. Doch Ben Smith entschied sich gegen Mannheim – aufgrund weicher Faktoren. 2018 war er nach Europa gewechselt, er genoss es, auch mal in eine Stadt zu reisen, in der er noch nie gewesen war, doch zu seiner angestrebten Work-Life-Balance passten die Pläne von Pavel Gross nicht. Der Trainer der Adler, fachlich überragend, war Ben Smith schlicht zu stressig. Don Jackson in München gilt als rücksichtsvoller.
In einer offensiv formulierten Pressemitteilung rieb der EHC seinem scharfen Widersacher Mannheim den Wechsel von Smith unter die Nase. Doch hat er gebracht, was man sich von ihm erhoffte? Zwölf der bislang 41 Spiele – das 42. steigt diesen Freitag (19.30 Uhr) zu Hause gegen Bremerhaven – verpasste der 33-Jährige wegen einer Gehirnerschütterung. Dann musste er sich in ein Spielsystem eingewöhnen, das er nur als Gegner kannte „und auf das ich gespannt bin“, wie er im Sommer sagte.
Gemessen an seinen Meriten wirkte Ben Smith lange blass. In seinem Scouting-Report steht, er sei ein Alleskönner: smart in allen drei Zonen des Feldes, exzellenter Schlittschuhläufer, kann das Spiel lesen, ist stark an der Bande und vor dem Tor. Zu dieser Fachpoesie kam die Titelsammlung: Meisterschaften im College-Hockey und in der Farmteamliga AHL und schließlich: Stanley-Cup-Gewinner mit den Chicago Blackhawks 2013. Die Geschichte dahinter: Smith bestritt in der Saison 2012/13 zwei Spiele – eines in der normalen Saison und eines in den Playoffs. So hatte er das Anrecht, dass auch sein Name in den Pokal eingraviert wurde. Er war aber ein solider NHL-Spieler, 2013/14 dann tatsächlich Stammkraft bei Chicago.
In München war er bis vor Kurzem eher ein Phantom, aber in der vergangenen Woche am Aufschwung des EHC beteiligt. Wie Maxi Kastner und Ben Street gelangen Ben Smith auf der Vier-Auswärtsspiele-Tour drei Treffer. Er liegt etwas unter seinem Mannheimer Punkteschnitt, doch: Es könnte noch werden.