München – Der Russe Aleksandr Vlasov, 25, zählt zu den größten Begabungen im Radsport für große Fernfahrten. Seit dieser Saison steht er beim Raublinger Rennstall Bora-hansgrohe unter Vertrag. Wir unterhielten uns mit Teamchef Ralph Denk, 48, über dessen Spitzenfahrer, der sich vor dem Hintergrund des Kriegs, den sein Heimatland in der Ukraine führt, in einer belastenden Situation befindet.
Ralph Denk, die Sportwelt hat auf den Krieg in der Ukraine mit großer Einigkeit reagiert und Russlands Sportler in vielen Bereichen ausgeschlossen. Halten Sie es für angemessen, dass dieser Bann auch Ihren Fahrer Aleksandr Vlasov trifft?
Einen russischen Einzelsportler, die im Ausland unter Vertrag sind, ausschließen? Puh. Das finde ich zu hart.
Wie sollte sich denn der Radsport Ihrer Meinung nach verhalten?
Mir hat gefallen, wie der Radsport-Weltverband UCI reagiert hat. Die UCI akzeptiert keine russischen Teams, keine russischen Sponsoren, keine russischen Nationalmannschaften, keine Radrennen in Russland, keine russischen Funktionäre. Das sind alles heftige Sanktionen. Allerdings dürfen russische Einzelsportler weiter an Rennen teilnehmen. Und das finde ich auch richtig. Denn: Was kann denn ein einzelner Sportler für den Putin-Krieg?
Haben Sie sich mit Vlasov über seine persönliche Situation als Russe unterhalten?
Ja, klar. Man muss dabei natürlich auch den Sportler verstehen. Der ist jetzt in einer schwierigen Lage. Aleksandr hat über die Sozialen Medien persönliche Anfeindungen erhalten – nur weil er Russe ist. Dabei lebt er nicht einmal in Russland sondern in Monaco. Und er hat auch keine russische Fahrerlizenz, sondern eine monegassische.
Wie nahe geht es ihm, dass sein Heimatland Krieg führt?
Aleksandr hat Bauchschmerzen, weil seine Familie nach wie vor in Russland ist. Glücklicherweise hat es seine Frau vor ein paar Tagen geschafft, aus Russland rauszukommen und zu ihm nach Monaco zu reisen. Da war Aleksandr sehr froh. Das hat ihm im Hinblick auf den am Sonntag beginnenden Klassiker Paris-Nizza sicher noch einmal Kraft gegeben. Aber spurlos ist das an ihm nicht vorbeigegangen. Er hat sich ja auch auf Instagram geäußert und dabei jede Gewalt verurteilt.
Wie geht er als Sportler mit den sicher bedrückenden Umständen um?
Das werden wir bei Paris-Nizza sehen. Soweit ich ihn bis jetzt kennengelernt habe, ist er einer, der nicht alles an sich ranlässt. Er ist in dieser Hinsicht – das sollte man jetzt nicht falsch verstehen – ein typischer Russe. Aber wie es bei ihm ganz innen drin im Herzen ausschaut, das weiß ich nicht.
Wie wird das Peloton reagieren? Vlasov ist ja einer der wenigen russischen Profis im Radsport.
Ich denke, dass die anderen Fahrer das so sehen wie ich: Man trifft sich im Sport, um Rennen zu fahren und nicht, um Politik zu machen.
Vlasov ist neu in Ihrem Team. Wie zufrieden sind Sie bislang mit ihm?
Er hatte einen sehr, sehr guten Einstand und gewann auch gleich die Valencia-Rundfahrt – vor Remco Evenepoel, dem ganz großen belgischen Megatalent. Den hat er abgehängt am Berg, das war schon sehr beeindruckend. Aber das ist noch nicht das Ende der Fahnenstange.
Befürchten Sie, dass der Krieg in der Ukraine das Sportgeschehen noch stärker erschüttern könnte?
Wir sind im Radsport ja nicht ganz so betroffen wie in anderen Sportarten. Unser Team hatte auch keine Rennen in der Ukraine oder Russland geplant. Aber Sport sollte grundsätzlich für den Frieden stehen.
Interview: Armin Gibis