Wieder ein DFB-Neuanfang

Es müssen nun Taten folgen

von Redaktion

JAN-CHRISTIAN MÜLLER

Was Beharrungskräfte und öffentliches Ansehen angeht, befindet sich der Deutsche Fußball-Bund nicht weit entfernt von der katholischen Kirche. Das soll nun besser werden. Die Chancen sind dadurch gewachsen, dass mit Rainer Koch der umstrittenste deutsche Fußballfunktionär aus dem Präsidium gewählt wurde – und das nach einem peinlichen, selbstgerechten Auftritt im Plenum. Seine Tage in zentraler Machtposition sind somit gezählt. Als DFB-Vertreter in der UEFA ist er langfristig nicht mehr tragbar. Persönlich ist das ein bitteres Schicksal für den Multifunktionär, der das Netzwerken lebte wie kein anderer.

Der neue, mit breiter Mehrheit ausgestattete DFB-Präsident Bernd Neuendorf muss sich nun mit Taten an seinen wohlfeilen Worten messen lassen. Vergleichbar kraftvoll waren auch seine drei zurückgetretenen Vorgänger ins hohe Amt gestartet – und allesamt auf maximal unliebsame Art und Weise gescheitert. Sieben Verbandschefs binnen sieben Jahren (mitsamt der dreimaligen zwischenzeitlichen Interims-Präsidentschaften) legen ein mangelhaftes, ach was: ein vollkommen ungenügendes Zeugnis für die Führungsqualität an der DFB-Spitze ab.

Die rhetorische Strategie des entmachteten Rainer Koch zielte darauf ab, die Hauptschuld am schlechten Image des DFB den bösen Medien zuzuschieben. Auch wenn es in Teilen stimmt, dass einzelne Journalisten in eiferndem und geiferndem Jagdinstinkt mitunter verschwörerisch unterwegs waren – der Beifall für Kochs von wenig Selbstkritik zeugender Reden blieb noch nicht einmal spärlich. Sondern minimalistisch. Fürwahr schon vor der Abwahl eine akustische Abreibung für Koch, der sich mit seinem unsouveränen Auftritt selbst demaskierte.

Neuendorf und DFL-Aufsichtsrat Aki Watzke geben sich derweil optimistisch, dass sie den „neuen“ DFB von alten Seilschaften emanzipieren können. Sie erwecken nicht den Eindruck, als mangele es ihnen an Selbstbewusstsein, das hinzukriegen.

Und Watzke gab deutlich zu erkennen, dass er die Strategie des vormaligen DFL-Bosses Christian Seifert so nicht fortführen wird. Seiferts spaltendes Credo, die Bundesliga sei die Lokomotive, der DFB nur der Anhänger, gilt nicht mehr. Es wird ersetzt durch Watzkes Gleichnis: Wenn DFB und DFL weiter wie zwei Züge aufeinander zuführen, würde der deutsche Fußball „dramatisch verlieren“. Das ist klug argumentiert.

Zur Abrechnung geriet dagegen Stephan Osnabrügges Abschied. Der frustriert ausgeschiedene Schatzmeister gab Einblicke in das persönliche Leid, das ein DFB-Funktionär zuletzt offenbar aushalten musste. „Hetzartikel“ hätten zu einer „rücksichtslosen Beschädigung“ auch bei ihm geführt, die Staatsanwaltschaft, die nach wie vor gegen ihn wegen Steuerhinterziehung ermittelt, sei „belogen“ worden und habe sich „instrumentalisieren“ lassen. Die Ermittlungen werden zeigen, ob der tief verletzte Mann Recht hat. Am Ende war er derjenige, der den völlig derangierten Koch tröstete.

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