Bonn – Es gab einen peinlichen Tiefpunkt beim mit Spannung erwarteten DFB-Bundestag in Bonn. Rainer Koch beschwerte sich in einer überflüssigen Rede darüber, dass Silke Sinning doch tatsächlich gewagt hatte, gegen ihn anzutreten. Delegierte, die nicht für ihn seien, bat er, „sich nicht sich an der Wahl zu beteiligen“. So viel zum Demokratieverständnis des bayerischen Verbandschefs, dem der Beifall vom Profilager komplett verweigert wurde. Und der dann auch – geradezu sensationell und gegen seine Erwartung – keine Unterstützung aus den Amateurverbänden mehr erhielt. Sehr deutlich mit 163 zu 68 Stimmen siegte Außenseiterin Sinning aus Hessen, die die Wahl sichtlich bewegt annahm. Koch hatte sich komplett verzockt.
Zuvor war wie erwartet Bernd Neuendorf zum neuen DFB-Präsidenten gewählt worden: Mit 193 der 250 abgegebenen Stimmen nimmt der Quereinsteiger den Schleudersitz des in Endlosschleife kriselnden Verbandes ein. Der 60-Jährige feierte einen Heimsieg in der Kampfabstimmung gegen einen tapferen, aber zu blassen Herausforderer Peter Peters.
Neuendorf sprach von einem „überwältigen Ergebnis“. Die Menschen seien es leid, „im Zusammenhang mit dem DFB nur von Machtkämpfen, Streitereien und Razzien zu hören“. Der ehemalige Journalist und NRW-Staatssekretär will, „dass dieser Verband wieder zur Ruhe kommt“. Er will dafür sorgen, „dass mehr Frauen, mehr junge Menschen und Menschen mit Einwanderungsgeschichte“ im DFB tätig werden. Und auch die politischen Fäden will er wieder zusammenbinden: „Wir hatten keine Zugänge mehr.“
Mit Neuendorf bekam auch der neue Schatzmeister Stephan Grunwald ein Mandat übertragen, zudem rückt Heike Ullrich zur Generalsekretärin auf, der trotz ihrer schwachen Rede eine Schlüsselrolle für mehr Harmonie im Zusammenspiel mit DFL zukommt, um das derzeit noch dysfunktionale System aufzulösen. Ebenfalls neu im DFB-Präsidium ist Ex-Nationalspielerin Celia Sasic.
Der neue Liga-Aufsichtsratsvorsitzende Hans-Joachim Watzke fand klare Worte für den untragbaren Ist-Zustand: Wir müssen die Kräfte bündeln und sie uns nicht gegenseitig zerstören. Es gehört auch zur Wahrheit: Das Erscheinungsbild ist nicht gut. Und da sind auch Fehler gemacht worden. Daran ist aber nie eine Person alleine schuld.“ Damit verteidigte er jenen Multifunktionär, der als Quell vielen Übels angesehen wird: Rainer Koch. Was am Ende aber nichts nutzte.
Der anfangs durch die Mammutveranstaltung führende Jurist schaffte es, selbst heikle Satzungsänderungen ohne jede Aussprache durchzupeitschen, ehe er nach seiner Abwahl völlig demoralisiert in einer Ecke hockte. So wird beispielsweise der Vergütungsausschuss, der bislang die Bezahlung der Spitzenkräfte geregelt hatte, einfach mal entmachtet. Unklar, ob dafür wirklich ein transparentes Entschädigungsmodell installiert wird. Koch wehrte sich auch wortreich gegen das Bild, dass der DFB im Dauerchaos versinke. Das meiste sei doch „gut und objektiv einwandfrei“ abgelaufen, behauptete der 63-Jährige und zählte Selbstverständlichkeiten auf: der Stabwechsel bei der A-Nationalmannschaft oder der U 21-Auswahl, die Fortsetzung des Spielbetriebs in Corona-Zeiten, den Widerstand gegen die Super League oder den Neubau des DFB-Campus. „Die Arbeit im DFB ist viel besser als ihr medialer Ruf.“
Immerhin rang Koch sich noch eine winzige Portion Selbstkritik ab: „Natürlich wurden auch Fehler gemacht, mich eingeschlossen.“ Peters hatte in seiner Bewerbungsrede angemerkt, dass „es nicht nur an den Medien und den Behörden liegt, dass der DFB ein schlechtes Image hat“.
Der Vertrauensverlust des Dachverbands für mehr als sieben Millionen Mitglieder ist immens, mit der Abwahl der Reizfigur Koch aus dem Präsidium ist aber die Chance für einen Neuanfang größer geworden. Gerd Thomas, Vorsitzender des Berliner Fußballvereins FC Internationale, hatte vor dem Bundestag pointiert festgehalten: „Der Fußball ist inzwischen das Schmuddelkind der Gesellschaft.“ Dieses Image zu ändern, ist ab sofort die Aufgabe von Neuendorf, Sinning & Co.