München – Sie sind „The Voices of Germany“ – zumindest in der Formel 1. Seit 2019 sitzen der Münchner Sascha Roos als Kommentator und der sechsmalige Grand-Prix-Sieger Ralf Schumacher als Experte beim Bezahlsender Sky am Mikrofon. Nachdem es für die Übertragungen in den letzten Jahren jede Menge Lob gab, sind die beiden auch 2022 wieder am Start. An den Rennwochenenden wechselt sich Schumacher mit Ex-Toyota-Fahrer Timo Glock ab – insbesondere dann, wenn er sich parallel um seinen Sohn David kümmern muss, der nun für Mercedes in der DTM antritt. An ausgewählten Wochenenden sind auch beide Experten im Einsatz. Hier erklären die Zwei, was sie von der Saison 2022 erwarten.
Schlichte Frage zum Einstieg: Wie gefallen Ihnen die völlig neuen Autos?
Schumacher: Die kommen natürlich moderner rüber, das finde ich schon gut. Und auch die Reifen sehen endlich zeitgemäßer aus. Was mir nicht gefällt, ist das hohe Gewicht. Wenn man das mit unserer Zeit vergleicht, sind das richtige Lkws geworden. Wir waren damals mit Fahrer bei 600 Kilo, heute sind es fast 800 Kilo. Klar sind die Autos sicherer geworden. Aber das ist zu viel Gewicht. Roos: Man sieht schon im Stehen, dass sie schnell sind, sogar beim Haas und beim Williams. Und ich finde es super, wie unterschiedlich die Designs sind – allein schon der Ferrari mit dieser Wanne in den Seitenkästen. Ich bin kein Aerodynamiker, aber da kann sogar ich mir vorstellen, dass sich darin die Luft sammelt und dann zum Heckflügel fließt.
Wenn Sie nach den ersten Tests wetten müssten: Wer hat die besten WM-Chancen?
Schumacher: Ich glaube, die üblichen Verdächtigen sind vorne, also Mercedes und Red Bull. Dazu kommt auf jeden Fall Ferrari – und vielleicht auch McLaren, wenn deren Zeiten keine Showruns mit wenig Benzin waren, um Sponsoren anzulocken. Roos: Es wäre ja langweilig, wenn ich jetzt sagen würde, Lewis Hamilton und Max Verstappen machen es wieder untereinander aus. Da könnte ich genauso tippen, dass der FC Bayern wieder Meister wird. Deshalb habe ich meinen Geheimtipp, und der heißt Carlos Sainz.
Glauben Sie daran, dass das Überholen wirklich einfacher wird?
Schumacher: Ich habe nach den ersten Tests gehört, dass das Ranfahren immer noch nicht so einfach ist wie erhofft. Es geht zwar besser. Aber man verliert immer noch zu viel Abtrieb, wenn man nahe an den Vordermann kommt. Aber ich bin ja froh, dass die neuen Regeln zumindest verhindern, dass die Ingenieure Störfaktoren einbauen, die das Überholen schwieriger machen.
Diese „Sabotage“ gab es wirklich?
Schumacher: Absolut. Das hat Renault in den 2000er-Jahren perfektioniert. Die haben die Luft als Erste so umgeleitet, dass man nicht hinterherfahren konnte. Und alle haben sich gewundert, hoppla, man kann Fernando Alonso ja kaum überholen. Das fällt jetzt mit der neuen Aerodynamik und dem Verbot der Flügelchen weg.
Welche Rolle spielen die neuen 18-Zoll-Reifen?
Schumacher: Die sind ein weiterer Vorteil für die kleinen Teams. Denn es ist ja so, dass die Bewegungen und der Federungseffekt der 13-Zoll-Reifen mit ihren hohen Flanken so komplex waren, dass die Simulation irrsinnig schwierig war. Wie sich diese Reifen aerodynamisch verhalten, haben nur die Top-Teams richtig in den Griff bekommen. Mit dem neuen 18-Zoll-Rad hast du niedrigere Flanken und weniger Bewegung. Das Reifenmanagement und das Reifenverständnis sollten damit deutlich einfacher werden.
Nach dem umstrittenen WM-Finale in Abu Dhabi hat die FIA Rennleiter Michael Masi ausgetauscht.
Roos: Ich finde es überzogen und ungerecht, dass er gehen musste. Natürlich hat er sich in der einen oder anderen Situation unglücklich verhalten. Aber er wurde auch im Stich gelassen. Grundsätzlich ist es aber richtig, dass man das jetzt mit einem Gremium lösen will. Und es macht auch Sinn, dass die Rennleiter nicht mehr ständig die Teamchefs auf dem Ohr haben. Man muss sich das im Fußball vorstellen, wenn live übertragen würde, wie die Trainer auf die Schiedsrichter einreden. Das war zwar gut für die Show. Aber damit stellst du den Rennleiter komplett bloß.
Neue graue Eminenz im Hintergrund ist der 73-Jährige Herbie Blash, langjähriger Weggefährte von Bernie Ecclestone. Er soll die neuen Rennleiter unterstützen. Ist das eine zukunftsweisende Lösung?
Schumacher: Da kann man jedenfalls sehen, wo der Wind her weht. Der neue FIA-Chef Mohammed Ben Sulayem ist ja sehr gut bekannt mit Bernie Ecclestone, aus dieser Richtung kommt das. Roos: Bei Herbie ist es auch ziemlich egal, was er sagt, und was er wirklich macht. Er ist in der Formel 1 eine absolute Respektsperson. Und da traut sich bestimmt niemand, ihn verbal so anzuschießen wie Michael Masi.
Die Formel 1 boomt weltweit wie nie, gerade auch in den USA. Junge Fahrer wie Lando Norris oder George Russell werden wie Popstars gefeiert. Liegt das an der Netflix-Serie „Drive to Survive“?
Schumacher: Da machen die Amerikaner von Liberty Media natürlich einen exzellenten Job. Ich habe diese Begeisterung letztes Jahr in Austin erlebt, das war unvorstellbar. Und ich höre jetzt, dass Miami schon absolut ausverkauft ist, im Paddock Club wird angebaut wie verrückt. Dazu kommt Max Verstappen, der überall seine Holländer mitbringt, die ganze Tribünen füllen. Einen chinesischen Fahrer gibt es jetzt auch, mit Zhou Guanyu im Alfa-Sauber.
Fehlen nur noch zwei, drei neue Teams – mit denen dann auch Top-Talente schneller einen Platz in der Formel 1 finden.
Roos: Du hast natürlich jetzt schon eine tolle Fahrer-Generation in der Formel 1, die kannst du gar nicht besser casten. Aber Michael Andretti zum Beispiel scheint es wirklich ernst zu sein. Der will 2024 einsteigen. Und es gibt das französische Top-Team DAMS aus der Formel 2. Der neue Besitzer Charles Pic will wohl auch in die Formel 1, als Kundenteam von Renault.
Dafür müsste er aber 200 Millionen Dollar als Sicherheit hinterlegen – ohne, dass er dieses Geld für sein Team verwenden darf.
Roos: Das ist natürlich irrsinnig hoch, das ist sogar für einen Michael Andretti eine echte Hürde. Aber damit will die Formel 1 eben verhindern, dass Geldverbrennungsmaschinen wie zuletzt Marussia, HRT & Co. nach ein paar Jahren aufgeben. Schumacher: Die 200 Millionen Dollar müsste man unbedingt senken. Neue Teams wären extrem wichtig. Denn im Moment ist es fast unmöglich, als junger Fahrer in die Formel 1 zu kommen. Das liegt auch an den wenigen Testfahrten, die aus Kostengründen immer mehr beschränkt werden. Und natürlich sind die Nachwuchsklassen viel zu teuer. Da musst du als Vater nicht mehr Millionär sein, um deinen Junior zu fördern, sondern Milliardär.
Um welche Summen geht es da? Hat sich bei der Nachwuchsförderung in etwas gebessert?
Schumacher: Nö. Das System Formel 3 und Formel 2 ist absolut krank und falsch. Und die Serien sind auch in den falschen Händen. Ich darf daran erinnern, dass das Jahresbudget früher in der alten Formel 3 bei 800 000 Euro gelegen ist. Und schon damals hat jeder geschrien, dass das viel zu teuer ist. Dafür haben die Jungs jede Menge Rennen bekommen, und 10 000, 20 000 Kilometer Tests.
Klingt nach einer guten Fahrschule.
Schumacher: Das gibt es heute nicht mehr. Ich habe für meinen Sohn 1,2 Millionen Euro bezahlt. Und der hatte dafür nur sechs, sieben Testtage, und diese paar Rennen mit 40 Minuten freiem Training. Da muss ich mich fragen, was das soll. Über die ganze Leiter von Formel 4, Formel 3 und Formel 2 kostet es zehn bis elf Millionen Euro, bis man in der Formel 1 mal vor der Tür stehen kann. Wer soll das bezahlen?
Wie können mehr junge Fahrer in der Formel 1 einen Platz finden?
Schumacher: Was spricht zum Beispiel dagegen, dass die Teams ihre Vorjahresautos an kleinere Rennställe verkaufen? Die sind dann zwar vielleicht eine halbe Sekunde langsamer. Aber so kommen neue Teams in die Formel 1.
Interview: Jörg Heinrich
„Man sieht im Stehen, dass die Autos schnell sind“
„Michael Andretti will 2024 in die Formel 1“
„Musst Milliardär sein, um den Junior
zu fördern.“