Mamma mia!

von Redaktion

Italien nach dem WM-K.o. der Squadra Azzurra im Tal der Tränen

Palermo/Rom – Trauer, Tränen, Verzweiflung, Wut: Noch im Juli feierte Italien als Europameister emotionale „notti magiche“, magische Nächte, nur 256 Tage später beklagen die stolzen Azzurri ein „disastro Italia“ – ein „Weltdesaster“, eine „neue Apokalypse“, wie die „Gazzetta dello Sport“ martialisch titelte. Das blamable 0:1 (0:0) in Palermo gegen Fußball-Zwerg Nordmazedonien in den Playoffs zur Weltmeisterschaft in Katar hat den viermaligen Weltmeister in seinen Grundfesten erschüttert und in tiefe Depressionen gestürzt – mit unabsehbaren Folgen. Welche diese sind und wie es dazu kommen konnte? Das erklärt der italienische Journalist Mirko Calemme (Calciomercato) in unserer Zeitung. System: Der Calcio braucht eine Grundreform. Das ist die Phrase, die wir nach jedem Debakel wiederholen – und jetzt ist an der Zeit, endlich etwas zu tun. Verbandspräsident Gabriele Gravina prangert die mangelnde Arbeit in der italienischen Jugend an, von denen kaum 30 Prozent bei der Jugendmeisterschaft mitspielen. In den letzten Jahren hat auch das Crescita-Dekret, eine Art italienisches Beckham-Gesetz, das Fußballern aus dem Ausland enorme Steuererleichterungen bietet, nicht geholfen. Die Mannschaften setzen lieber auf Profis aus dem Ausland, es gibt immer weniger hausgemachte Talente, und Trainer Roberto Mancini musste sich auf „Brasilianer“ wie Jorginho, Toloi, Luiz Felipe, Joao Pedro & Co. verlassen.

Strukturen: Bis auf wenige Ausnahmen wie Juventus oder Udinese sind die Stadien so geblieben, wie sie bereits bei der WM 1990 waren. Das Land hat aufgrund von Bürokratie und mangelnden Investitionen große Schwierigkeiten, seine Stadien und Sportstätten zu renovieren, was mit der Zeit seinen Tribut fordert. Milan und Inter kämpfen seit Jahren mit der Stadtverwaltung um ein neues San Siro, ähnlich erging es auch der Roma, die schließlich aufgegeben hat und im unbequemen alten Olympiastadion weitermacht.

Clubs: Ein System, das nicht funktioniert, bringt einen Mangel an Wettbewerbsfähigkeit mit sich. Die Serie A ist seit nunmehr zwölf Jahren ohne Sieg bei einem UEFA-Vereinswettbewerb und stellt zum zweiten Mal in Folge keine Mannschaft im Viertelfinale der Champions League. Mancini: Abgesehen von den unbestreitbaren Sünden des italienischen Fußballs trägt auch der Nationaltrainer der Squadra Azzurra einen großen Teil der Schuld an diesem Desaster. Seine Italiener haben seit September nicht mehr auf dem Platz funktioniert – und wenn sie es bis hierher geschafft haben, dann nur dank peinlicher Unentschieden gegen Bulgarien, Schweiz (zweimal) und Nordirland. Das Spiel gegen Nordmazedonien war der traurige Höhepunkt einer Serie an Partien, in der die Azzurri zwar dominieren, aber mit sterilem Ballbesitz keinerlei Gefahr erzeugen. Dem italienischen Fußball geht es schlecht, aber der Trainer des amtierenden Europameisters (!) hatte die Spieler, um diese Gegner zu schlagen. Er suchte nie nach einer Lösung für den Mangel an Toren, blieb beim unantastbaren 4-3-3 und ließ an seinem schlimmsten Abend einen Stürmer wie Belotti auf der Tribüne sitzen, der gegen den Bus, den Milevskis Team vor das Tor stellte, viel hätte ausrichten können. Er denkt an Rücktritt. Verständlich.

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