„Mein Traum von der Arena-Tram“

von Redaktion

Teil 4 der Bayern-Serie: Wie Jürgen Muth sein Stadion für die Zukunft fit machen will

München – Die Fußballwelt im Umbruch. In England und Europas Süden verändern Oligarchen und Schuldenbarone mit Milliardeninvestitionen die Spielregeln. In Europas Spitzenfußball gibt es nur noch eine Konstante, die sich von diesem Geschäftsgebaren distanziert – und trotzdem herausragende Erfolge feiert: den FC Bayern München. In der Serie „Mia san mia – wie der FC Bayern Tradition & Zukunft verbindet“ blicken wir hinter die Kulissen und zeichnen nach, wie die Bayern auch in Zukunft bestehen können. Mit den Fußball-Profis, den Basketballern oder als Eigentümer der Allianz Arena. Heute: Stadion-Boss Jürgen Muth (57) über Nachhaltigkeit und Fan-Erlebnis.

Herr Muth, wenn Sie eine Vision für die Allianz Arena hätten: Wie sähe diese aus?

Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann wäre das eine zweite leistungsstarke Anbindung durch den öffentlichen Nahverkehr.

Warum?

Bei der Mobilität stoßen wir in Sachen Nachhaltigkeit an unsere Grenzen. Wir haben insgesamt 11 000 Parkplätze plus 350 Busparkplätze. Und wir haben nur ein Nahverkehrssystem mit der U 6 aus München kommend. Diese Diskussion haben wir seit vielen Jahren, dass wir dort – was die Kapazität der MVG angeht – immer beschränkt sein werden. Durch ein alternatives Verkehrsmittel wie beispielsweise Busse können wir nicht annähernd die Leistungsfähigkeit einer U-Bahn erreichen.

Was wäre dann diese leistungsstarke Anbindung?

Eine Möglichkeit wäre die von der bereits von der Stadt München angedachte Straßenbahnlinie, die aus dem Stadtgebiet nach Norden führen würde. Ebenfalls gibt es bei der Stadt Überlegungen, eine Verbindung zwischen der U 2 und der U 6 zu schaffen. Und es gibt Pläne zur U 9, die eine Verbindung vom Hauptbahnhof zur U 6 wäre.

Befassen Sie sich mit Carsharing? So könnten weniger Parkplätze in der Allianz Arena benötigt werden.

Natürlich ist das eine gute Möglichkeit, um für die Fans Alternativen zu schaffen, wie sie gemeinsam zur Allianz Arena hin- und wieder zurückkommen. Das ist ein Thema, dessen wir uns in Zukunft noch besser annehmen werden, um Verkehr zu vermeiden und den CO2-Ausstoß weiter zu reduzieren.

Wie können Sie dieses Ziel erreichen?

Entscheidend wird sein, auch das Thema Energie anzugehen. Natürlich beziehen wir jetzt schon nur grünen Strom. Aber es ist eine Überlegung, ob man nicht den Anteil der Energieerzeugung auf unseren eigenen Standorten, auch an der Säbener Straße und dem FC Bayern Campus, deutlich erhöhen kann.

Wie genau?

Beispielsweise mit Photovoltaik. Da hat man zwar an allen Standorten bereits Anlagen, aber es gibt auch hier noch weitere Möglichkeiten. Auch Kleinwindanlagen oder Fassaden-Photovoltaik sind interessante Themen. Und unsere Aufgabe ist es jetzt, dass wir dieses Thema immer ganz zuvorderst mitberücksichtigen.

Mit pflanzlicher Ernährung kann man auch sehr viel CO2 einsparen.

Wir haben bereits ein veganes Speiseangebot, auch im Public Bereich. Das sind beispielsweise Wraps. Und ab der neuen Saison werden wir, so viel verspreche ich schon, das Angebot noch mal erweitern, zum Beispiel mit einem komplett veganen Burger. Darüber hinaus gibt es jetzt schon ein relativ großes Angebot an vegetarischen Speisen.

Im neuen SAP Garden können sich Fans künftig per App Essen zu ihren Sitzplätzen bestellen. Wird das auch in der Allianz Arena möglich sein?

Man muss da berücksichtigen, dass es Unterschiede zwischen der Fußball- und Basketballkultur sowie auch Unterschiede zwischen einem Event draußen oder in der Halle gibt. Im SAP Garden sind zwischen den Treppen wesentlich weniger Sitzplätze als in der Arena. Wir wollen nicht, dass ein Fan, der in der Mitte zwischen zwei Treppenläufen sitzt, dann irgendwann mal seine Bratwurst mit Senf und das Bier, das den anderen auf die Knie schwappen könnte, gereicht bekommt. Diejenigen, die bei uns Fußball schauen, sollen Fußball schauen können und nicht mit einem Lieferservice über zehn, 15 Plätze hinweg beschäftigt sein.

Also, ist diese Art von Service künftig komplett ausgeschlossen?

Wir arbeiten ständig daran, dass wir für alle Fans den Service verbessern und darüber hinaus für bestimmte Besuchergruppen, beispielsweise Rollstuhlfahrer, auch noch besondere Angebote machen. Dort denken wir z. B. aktuell über einen Lieferservice nach. Wir arbeiten weiter daran, dass man in absehbarer Zeit sein Essen am Kiosk bestellen kann und das dann über eine sogenannte Fast Lane schneller bekommen wird.

In der Formel 1 gibt es regelmäßig Kritik am Flutlichtrennen in Bahrain hinsichtlich des verbrauchten Stroms. Wie öko ist es, dass die Allianz Arena regelmäßig leuchtet?

Ein ganz großer Schritt war hier, dass wir 2015 komplett auf LED-Beleuchtung umgestiegen sind. Zweitens reduzieren wir unsere Beleuchtungszeiten jetzt schon in der Regel auf nur noch drei Stunden am Tag. Die beleuchtete Allianz Arena ist ein Wahrzeichen geworden, nicht nur für den FC Bayern, sondern weit darüber hinaus. Ich denke nur an den Christopher Street Day oder andere Aktionen, die wir regelmäßig an dieser Fassade machen.

Sie haben im Hinblick auf die Heim-Fußball-EM 2024 eine Nachhaltigkeitsoffensive in der Allianz Arena angekündigt. Wie sieht diese in der Praxis aus?

Ich bin fest davon überzeugt, dass der Standort Deutschland mit einer EURO 2024 eine neue Benchmark in Sachen Umwelt und Nachhaltigkeit setzen kann. Momentan gibt es bereits regelmäßige Runden auch auf Ministeriumsebene mit der Bundesrepublik Deutschland, dass wir gerade das Thema Mobilität optimieren wollen. Das heißt, dass wir Angebote an alle Fans machen wollen, dass sie möglichst umweltschonend und nachhaltig die Veranstaltungsorte erreichen können. Das zweite Thema ist natürlich CO2-Reduzierung. Unser Ziel muss sein, an allen Standorten Projekte zu installieren, die nach außen hin Leuchtturm-Charakter haben, weil sie das Bewusstsein für Umweltschutz bei den Fußballfans weiter fördern. Dazu ist eine EURO genau der richtige Zeitpunkt.

Aber wie stellen Sie sich das konkret vor?

Ein Beispiel wäre die Verlagerung des Verkehrs auf die Schiene. Das ist ein ganz großes Thema. Was muss man noch fliegen, inwieweit ist die Schiene aber nicht nur konkurrenzfähig, sondern bereits das bessere Verkehrsmittel, wenn Europa bei uns in Deutschland zu Gast sein wird.

Interview: Philipp Kessler

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