Am Morgen danach: Silenzio totale. Kein Traffic in den WhatsApp-Gruppen, die bei sonstigen Fußballanlässen gerne und oft von der italienischen Verwandtschaft gespeist werden. Keiner flucht, keiner schickt Wut-Emojis, keiner selbstironische Memes. Man ahnt: Das zweite WM-Aus in Folge hat tiefe Spuren gekratzt in die Seelen der Tifosi. Gibt es ein italienisches Wort für Katerstimmung? Selbst wenn: Es wäre vermutlich viel zu schwach, um zu beschrieben, wie man sich nun fühlt im Land des eben noch stolzen Europameisters.
Und es ist ja auch incredibile: Wir als EM-Versager für Katar qualifiziert – trotz einer Heimpleite gegen ebendiese Nordmazedonier zu Beginn der Quali (1:2). Und Italien: Raus, schon wieder nicht bei der WM dabei – gescheitert auf die grausamste Art, die man sich für ein Land der Ergebnisexperten vorstellen kann. Eben noch wurde Chiellini eingewechselt, den Mancini eigentlich schonen wollte – für das gedanklich bereits gebuchte Finale gegen Portugal. Doch dann: Ein verzinkter Diagonalschuss, der tückisch vor EM-Held Donnarumma aufsetzt – und eine ganze Nation in Schockstarre versetzt.
Bei einem frühen Gegentor, sagen wir bis zur 80. Minute, hätte Italien sein bewährtes Repertoire gezündet: Druck bei Standards aufgebaut, Psychospielchen mit dem leichtgewichtigen Gegner angefangen, zur Not auch einen Elfmeterpfiff provoziert. Wie aber will man antworten, wenn der Gegner derart respektlos zurückschlägt – in der zweiten Minute der Nachspielzeit!?
Was nun passieren wird im Land des viermaligen Weltmeisters, kann sich jeder Fußballinteressierte ausmalen: Der Trainer wird erst gestützt und am Ende wohl doch gestürzt. Jugendkonzepte werden gefordert (Ex-Nationaltrainer Arrigo Sacchi hat schon damit angefangen). Am Ende passiert vielleicht sogar das Undenkbare: Chiellini tritt zurück! Um rechtzeitig zur nächsten WM-Quali zurückzukehren (als dann 40-Jähriger).
Italien, du große Fußballnation, wir fühlen mit dir! Eine WM ohne Italia ist möglich, aber sinnlos (ernst gemeint). Wir ahnen: Es gibt keinen Trost in dieser schwarzen Stunde, nur vielleicht diesen hier: Letztes Mal war Sommer, als ihr WM-Zuschauer wart (2018). Diesmal wird Winter sein. Mamma mia! Soll doch der Rest der Welt zusehen, wie er ohne euch, Biergarten, Public Viewing und italienische Emotionen in WM-Stimmung kommt.
uli.kellner@ovb.net