München – Nach dem Schlusspfiff wurde sie noch einmal spür- und hörbar, die Wucht, die das zuletzt viel diskutierte Grünwalder Stadion entfalten kann. Wie die Pfiffe der 15 000 Zuschauer wohl gewirkt hätten mit lärmkonservierender Komplettüberdachung? Auch „oben ohne“ war es ein schwerer Gang für das Schiedsrichterteam um Sven Jablonski. Buhrufe und Verwünschungen begleiteten den Bremer auf dem kurzen Weg zur Kabine. Der Bundesligareferee hatte das Pech, dass am Samstag erstmals wieder Vollauslastung auf Giesings Höhen erlaubt war. Und dass ihn seine Wahrnehmung ohne VAR-Technik im Stich gelassen hatte.
Letzteres, und nur das, bewahrte Jablonski auch davor, dass sich Michael Köllner dem Urteil der aufgebrachten Löwen-Gemeinde anschloss. Nach einem packenden Spiel, in dem sich die leidenschaftlichen Löwen den Sieg verdient gehabt hätten.
Sicher, das späte Saarbrücker 1:1 war auch für Köllner ein Stimmungskiller der schwer erträglichen Art. Mildernde Umstände gab es aber, weil der 1860-Coach in Jablonski ein Opfer der Ungleichbehandlung zwischen zwei hochtechnisierten Ligen und der Profiliga darunter sah. Für ihn sei es ein von den Verbänden „hausgemachtes Problem“, dass Jablonski in zwei spielentscheidenden Szenen so entschieden habe, dass die Löwen keinen Handelfmeter zugesprochen bekamen (Boeder/18.), dafür aber einen Last-Minute-Ausgleich, nachdem der am Samstag überragende Fabian Greilinger zuvor von Gouras weggestoßen worden war. „Ich gebe dem Herrn Jablonski null Schuld, aber in der Bundesliga und 2. Liga haben sie den Videoassistenten, da bekommen sie ständig in das Ohr etwas reingesungen“, klagte Köllner im TV-Interview. In der Bundesliga, argumentierte er, habe der Schiedsrichter „immer noch eine Absicherung“, die in der 3. Liga nicht gegeben sei. „Das System krankt“, bilanzierte er, „und es will keiner wahrhaben.“
Bereits nach dem 0:3 in Mannheim hatte Köllner Frust nach zwei umstrittenen Handelfmetern geschoben. Erst Florian Badstübner, jetzt Sven Jablonski – Bundesliga-Referees bringen den Löwen kein Glück. Wer will, kann auch Deniz Aytekin dazunehmen, der Marco Hiller beim Saisonfinale 2020/21 ohne VAR früh vom Platz gestellt hatte. Damals in Ingolstadt (1:3) war das die Vorentscheidung im Kampf um den Relegationsplatz. Und dieses Mal?
Für 1860 hat es eine gewisse Tragik, wie sich die Nachspielzeit dieses 32. Spieltages auf das Rennen im Aufstiegskampf auswirkte. Eben führte die kampfstarke Köllner-Elf noch, weil sich Erik Tallig in der 74. Minute ein Herz gefasst und den Ball vom Strafraum unter die Latte des Saarbrücker Tores gejagt hatte. In der 90. Minute fiel dann Havelses Ausgleich in Braunschweig, der die Giesinger bis auf zwei Punkte an Platz drei herangebracht hätte. Dann die ominöse Minute 90.+2, als erst Jacob das umstrittene 1:1 für Saarbrücken erzielte – und 600 km weiter nördlich Jan-Hendrik Marx die Braunschweiger Löwen doch noch zum 3:2-Sieg schoss.
Köllners Reaktion, als er sich etwas abgeregt hatte: Trotz – verbunden mit einer Kampfansage. „Wenn die Mannschaft in den nächsten Spielen so auftritt, werden wir ein gewichtiges Wort um den Aufstieg mitsprechen“, tönte er. Dagegen steht, dass die Löwen ihr Schicksal nicht mehr in der eigenen Hand haben. Dafür spricht, dass viel Wille im ersatzgeschwächten Team erkennbar war, vorgelebt vor allem von Dauerrenner Greilinger und dem 17 Jahre jungen Salger-Vertreter Leandro Morgalla. Köllners Schlusswort zum spät entglittenen Dreier: „Im Fußball ist es mal so: Da muss man sich kurz schütteln und dann geht es nächste Woche in Freiburg weiter. Dann gibt es die nächsten drei Punkte.“
Köllner: Jablonski ohne VAR verloren