Amsterdam – Kampf gegen den Prostata-Krebs, Kampf um seinen Job als Bondscoach: Louis van Gaal nimmt diese doppelte Herausforderung couragiert an, unterkriegen lassen will sich der Niederländer auf keinen Fall.
„In 90 Prozent der Fälle stirbt man nicht an Prostata-Krebs. Ich habe unglaublich viel Willenskraft, um weiterzumachen. In meinem hohen Alter ist es ein Geschenk, mit der Nationalmannschaft arbeiten zu dürfen“, sagte der 70-Jährige am späten Sonntagabend in der TV-Sendung „Humberto“ im niederländischen Kanal RTL 4.
Aber der Star-Trainer, der von 2009 bis 2011 auch beim deutschen Rekordmeister FC Bayern auf der Bank saß, geht ins gesundheitliche Risiko, wie er vor laufenden Kameras auch unumwunden einräumte: „Ich habe eine aggressive Form und wurde 25-mal bestrahlt. Aber ich musste auch in meinem Leben schon viele Prüfungen bestehen und bin wahrscheinlich durch all diese Erfahrungen als Mensch reifer geworden.“
Dennoch macht man sich europaweit Sorgen um das Wohlergehen van Gaals. Via Twitter wünschte der FC Bayern „viel Kraft im Kampf gegen den Krebs“. Und auch die deutsche Fußball-Nationalmannschaft schickte „beste Hoffnungen auf eine vollständige Genesung“.
Gute Wünsche, die van Gaal auf seinem schweren Weg gut gebrauchen kann. Denn bevor er selbst seine Erkrankung öffentlich machte, muteten seine Tumor-Behandlungen wie eine dramatische Nacht-und Nebelaktionen an: „Meine Spieler haben gedacht, ich sei bei guter Gesundheit, aber ich bin es nicht.“
Während der Trainingslager der Elftal sei er jeden Abend durch den Hintereingang ins Krankenhaus gegangen, dort sei er bevorzugt betreut und „toll behandelt“ worden. Nur die Familie und enge Freunde seien eingeweiht gewesen.
Von nun an aber wird der Starcoach, der auch schon beim FC Barcelona und Manchester United Titel gewonnen hat, verstärkt unter Beobachtung stehen. Zumal van Gaal kürzlich bereits an Corona erkrankt war und auch deshalb nicht zur Auslosung der WM-Vorrundengruppen am vergangenen Wochenende nach Katar reiste.
Vermisst wurde er von den WM-Gastgebern wahrscheinlich nicht unbedingt. Denn der scharfzüngige Fußballlehrer hatte die Vergabe der Endrunde an den Wüstenstaat als lächerlich bezeichnet, auch das Gerede beim Weltverband FIFA von Entwicklung sei „Bullshit.“
Der gewiefte Taktiker van Gaal wird als Coach sehr geschätzt – auch von Bundestrainer Hansi Flick. „Louis hat mir in meiner Trainerlaufbahn viel mitgegeben, weil ich den holländischen Fußball sehr geschätzt, ja, sehr geliebt und mich da fortgebildet habe“, sagte Flick vor dem 1:1 in Amsterdam gegen Oranje in der vergangenen Woche im ZDF. Er schätzt den Bondscoach als „absoluten Fachmann“.
Als Trainer der niederländischen Elftal gefordert ist van Gaal erstmals wieder Anfang Juni, wenn es in der Nations League gegen Belgien geht. Bei der WM treffen seine Schützlinge in der Gruppe A auf den Senegal, Ecuador und Katar.