Der große Dichter, Dramatiker und Romancier Friedrich Dürrenmatt hat uns den Satz hinterlassen: „Die Gerechtigkeit wohnt auf einer Etage, zu der die Justiz keinen Zutritt hat.“ So tief wollen wir nun nicht gleich gehen bei der Aufarbeitung des Vorfalls, dass beim Fußballspiel des SC Freiburg gegen den FC Bayern München ein Team irrtümlich für einige Sekunden einen Akteur zu viel auf dem Platz stehen hatte – aber was aus dieser Panne an Verwerfungen resultiert, liefert zumindest ein schönes Beispiel dafür, dass die Ansprüche, die Gerechtigkeit und Regelwerk stellen, weit auseinandergehen können.
Man muss wahrlich kein Freund des FC Bayern sein, um zu finden, dass es gerecht wäre, bliebe der Münchner 4:1-Sieg unangetastet. Bei den Bayern gab es eine Panne, es lag keine bösartige Intention vor, als der für eine Auswechslung vorgesehene Kingsley Coman noch eine Viertelminute auf dem Feld verweilte. In dieser Zeit steckte das Spiel im Mittelfeld fest, Coman hatte keinen Ballkontakt, und es war beim Stand von 3:1 eh schon alles so gut wie gelaufen. Allenfalls könnte man argumentieren, die folgende Unterbrechung von acht Minuten habe den Freiburgern womöglich den Elan geraubt, sich noch an ein Aufholen zu machen.
Trotzdem kann man nicht einfach wegschauen, denn ein Regelverstoß lag vor. Und Gesetze und Regeln müssen gewahrt und verteidigt werden, weil sie das Grundgerüst bilden für gesellschaftliches Zusammenleben und – eine Nummer kleiner, für den Sport – für lauteren Wettbewerb. Es geht ja nicht nur um den speziellen Freiburg-Bayern-Fall, sondern um die Eventualität: Wie bewertet man ähnliche Vorkommnisse mit anderen Beteiligten bei anderen Spielverläufen? Man müsste Rechtssicherheit haben – sie jetzt aber erst einmal schaffen.
Darauf kann sich der SC Freiburg mit seinem Einspruch berufen, der ihm nach eigener Aussage eigentlich zuwider ist. Doch die sehr bemüht wirkende Argumentation des Sport-Clubs und gewisse Erfahrungswerte, die der Profifußball geliefert hat, führen doch eher zum Schluss, dass die Idee, für alle handeln zu müssen, das vorrangige eigene Interesse übertüncht: Freiburg sieht eine kleine Chance auf die Punkte oder ein Wiederholungsspiel, auf die Champions League und deren Erlöse. Der SCF ist nicht weniger Profi(t)club als die anderen, alle wohnen auf derselben Etage des Hauses Fußball.
Guenter.Klein@ovb.net