München/London – Auf der Zielgeraden des Londoner Strafprozesses gegen Boris Becker hat die Richterin begonnen, die Argumente für und gegen den Ex-Tennisprofi zusammenzufassen. Dem 54-Jährigen wird vorgeworfen, in seinem Insolvenzverfahren Vermögen verschleiert zu haben. Nach den Ausführungen von Richterin Deborah Taylor zog sich die Geschworenen-Jury zu Beratungen zurück. Für Becker begann eine Zitterpartie, die sich niemand hatte vorstellen können. Die Beratungen der Jury gehen an diesem Donnerstag ab 11 Uhr MESZ (10 Uhr Ortszeit) weiter.
Als Boris Becker am 7. Juli 1985 auf dem Centre Court von Wimbledon den deutschen Tennis-Urknall inszenierte, schien der Weg zum ewigen Wohlstand geebnet. Sein Manager Ion Tiriac war der beste im Business, große Firmen rissen sich um den 17-Jährigen. Große Firmen rissen sich damals um den mit 17 Jahren jüngsten Sieger aller Zeiten beim wichtigsten Turnier der Welt.
Tiriac, einer der cleversten Dealer in der Tennis- und Sportindustrie, ist heute einer der reichsten Bürger Rumäniens. Sein Firmenkonglomerat hat Milliardenwert. Aber während Tiriac nach dem Ende der Allianz mit dem Jungen aus Leimen weiter wuchs als Unternehmer und sein Imperium festigte, wurde Beckers Lage schwer und schwerer. Heute, gut 30 Jahre nach der Trennung von Tiriac, kann man Becker in Werbespots beobachten, in denen er etwas schal über Kreditvergaben spricht.
Was ist bloß schiefgelaufen mit und bei Becker bis zu diesen Tagen im März und April 2022, in denen er sich vor einem Londoner Gericht zu verantworten hatte und sogar eine Gefängnisstrafe befürchten muss? Tiriac, der einstige Manager, kann jedenfalls kaum glauben, wohin Beckers Weg führte: „Er hätte zu einem der reichsten Sportler werden können, ja müssen“, sagt der Impresario, „aber er hat nicht mehr auf die Leute gehört, die das Richtige für ihn wollten.“ Tatsächlich hatte Becker in seiner Karriere nur zwei Berater von Format, die ihm kompetent zur Seite standen – Tiriac und später der (inzwischen verstorbene) Münchner Anwalt Axel Meyer-Wölden.
Vor Gericht in London hatte Beckers Verteidigungstruppe in den letzten Wochen eine simple Strategie entwickelt: Der sechsmalige Grand Slam-Champion sei in Finanzfragen gewissermaßen unmündig, sein Anwalt Jonathan Laidlaw präsentierte im Schlußplädoyer den einprägsamen Satz, der alte Champion sei „hoffnungslos mit Geld.“ Becker habe über Vermögen, Konten, die Gegenstände im Insolvenzverfahren nichts Genaues gewusst.
Nach seiner Karriere wollte sich Becker von seinem vorherigen Leben emanzipieren und „anerkannt werden als jemand, der mehr kann.“ Doch bereits eines der ersten Projekte, das Internetportal „Sportgate“, scheiterte.
Schon 2003 bekam sein Image einen heftigen Kratzer ab, als es in München wegen Steuerhinterziehung „Die Bundesrepublik Deutschland gegen Boris Franz Becker“ hieß. Die jahrelangen Auseinandersetzungen mit den Finanzbehörden fanden ein glimpfliches Ende für den einstigen Weltranglisten-Ersten, er kam mit einer Bewährungsstrafe davon. Kurios genug, dass er das relativ milde Urteil einem gewissen Hans-Dieter Cleven zu verdanken hatte, dem früheren Generaldirektor der Schweizer Metro-Holding und Vermögensverwalter der milliardenschweren Beisheim-Gruppe. Nur zur Erinnerung: Cleven ist inzwischen der größte Gläubiger im Insolvenzverfahren gegen Becker. Seine Forderungen beliefen sich auf bis zu 35 Millionen Euro.
Über die gut 20 Jahre von Beckers Leben nach den Centre Court-Duellen verfestigte sich ein Befund: Je weiter er sich vom Tennissport entfernte, umso schwieriger wurde es für ihn. Blieb er auf dem Terrain, in dem er einst der Beste war, feierte er immer noch Erfolge. Als TV-Experte, Trainer des Weltranglisten-Spitzenreiter Novak Djokovic oder als Teamchef im deutschen Männertennis sammelte er Pluspunkte.
Gleichzeitig häuften sich die Verbindlichkeiten, die Zahlungen an seine früheren Gemahlinnen, der Unterhalt für die Kinder. Berater kamen und gingen, sein aktueller Rechtsbeistand Laidlaw erklärte im Gerichtssaal, keiner der ehemaligen Partner sei eine Hilfe gewesen. Wobei das auch und besonders auf jene Wochen zutrifft, die der Eröffnung des Insolvenzverfahrens 2017 folgten. Da hatte Beckers Team die Idee, die drohende Zwangsvollstreckung mit diplomatischer Immunität abzuwenden – sein Pass als Sonderattaché für Sport und kulturelle Angelegenheiten der Zentralafrikanischen Republik stellte sich allerdings als Luftnummer heraus.
Im Gerichtssaal war bei Becker auch nichts mehr von jener Laissez-Faire-Haltung zu spüren, mit der er jahrelang über Fehlschläge hinweggegangen war. Meist saß er angespannt da. „Ich habe vieles probiert, vieles hat auch geklappt, anderes nicht. Wem geht das nicht so“, hatte Becker vor ein paar Jahren einmal seinen Kritikern gesagt, „nur wird das bei Becker gleich zum Drama gemacht, zum Scheitern überhaupt. Bei mir geht es nur um Triumph und Tragödie.“
Bald steht der Ausgang des nächsten Kapitels fest. Wie lange es dauert, bis die Jury eine Entscheidung trifft, ist ungewiss. Möglich ist ein schnelles Ergebnis – aber auch tagelange Diskussion hinter geschlossenen Türen.
Tiriac übrigens, der ehemalige Wegbegleiter, hatte Becker schon vor Jahren Hilfe angeboten und ihm einen Rettungsanker zugeworfen: „Wenn er zehn Millionen für ein Ziel braucht, dann werde ich sie ihm geben.“