„Windhorst und Gegenbauer raus“, stand am Samstag auf einem riesigen Transparent in der Fankurve des Berliner Olympiastadions. Dagegen ist nichts einzuwenden, Stellungnahmen zur Vereinspolitik bei Hertha sind – auch wenn vielleicht einen Tick zu populistisch – legitim. Und es ist sogar begrüßenswert, wenn Mitglieder und Anhänger sich für mehr interessieren als nur den Platz ihres Teams in der Tabelle.
Die Kurve der Herthaner war – wie später auch die gegenüber auf Seite des 1. FC Union – hell erleuchtet von Pyrotechnik. Darüber muss man sich nicht empören. Wer in diese Blöcke geht, weiß, was ihn dort erwartet. Und ehrlich: Dem Reiz dieser Bilder kann sich kaum jemand entziehen – erst recht nicht nach der Ödnis zweier weitgehend von Geisterspiel-Tristesse bestimmter Jahre.
Probleme schafft die Ultra-Kultur aber mit Szenen, wie sie sich in Berlin nach Schlusspfiff ereigneten. Es ist ja üblich mittlerweile, dass eine Mannschaft sich auch nach schweren Niederlagen vor ihren Anhang begibt, um ihm für die Unterstützung zu danken; das ist ein bisweilen schwerer Gang (etwa wenn man ein Derby 1:4 vergeigt hat), und man würde sich wünschen, dass die Fans diese Überwindung der Spieler respektieren. Das ist aber nicht der Fall, wenn die Akteure gedemütigt werden, indem man sie dazu nötigt, ihre Trikots auszuziehen und sie vor dem Zaun in Büßermanier abzulegen. Was in Berlin geschah, erinnert fatal an die Vorgänge auf Schalke, wo Ultras die Kapitänsbinde eingefordert (und sogar bekommen) haben. Dass damit eine Grenze überschritten war, zeigte sich, als der Schalker Abstieg aus der Bundesliga feststand und auf die Spieler vor dem Stadion Jagd gemacht wurde. Wenn es wie jetzt in Berlin darum gehen sollte, den sportlichen Niedergang abzuwenden: Genau so wird das nichts.
Vor allem aber müssen sich Fans in diesem Punkt hinterfragen: Werden sie ihrem eigenen Ideal noch gerecht? Ein Credo der Ultraszene lautet, dass keine handelnde Person größer sein dürfe als der Verein. Doch wenn sie das hohe Gericht mimt, erhebt sie sich über ihren Verein. Das ist Anmaßung.
Guenter.Klein@ovb.net