Imola – Es war nur eine kleine Randnotiz, die aber große Bedeutung hat. Kurz nach den Testfahrten in Barcelona im Februar gab Ferrari mehr oder weniger mit einem Nebensatz bekannt, dass man den Beratervertrag mit der südafrikanischen Designerlegende Rory Byrne (78) um drei Jahre verlängert hat. Hintergrund: 2020 holte Ferrari-Teamchef Mattia Binotto seinen ehemaligen Chef aus seinem Ruhestand in Thailand, wo Byrne mit seiner Ehefrau ein Immobiliengeschäft betreibt, um dem Ferrari Technik- und Designteam mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Von Thailand aus beliefert er Ferrari seitdem mit seinen Ideen.
Für Ex-Formel-1-Pilot Marc Surer ist deshalb klar: „Die Verlängerung des Vertrages hört sich nach einem Riesendankeschön an,“ so der Schweizer zu unserer Zeitung, „Byrne scheint in seiner Funktion einen Superjob gemacht zu haben.“
In der Tat: Seit Byrne, der schon Chefdesigner Ferraris zu den glorreichen Zeiten mit Michael Schumacher war (sie gewannen gemeinsam fünf Fahrertitel in Folge von 2000 bis 2004, nachdem ihn Schumacher von Benetton zu Ferrari mitbrachte), seine Erfahrung mit der Konstruktion von Formel-1-Autos wieder der Scuderia zur Verfügung stellt, geht es aufwärts. Surer: „Es fiel auf, dass Ferrari schon 2021 ein gutes Chassis hatte. Doch vergangenes Jahr waren sie noch durch den schwächeren Motor gehandicapt. Das ist in dieser Saison nicht mehr so.“ Der Schweizer weiter: „Der Ferrari dieses Jahr weist die ähnlichen Charakterzüge auf, die auch die Schumacher-Ferraris aus der Erfolgsära hatten: Sie waren überall und zu jeden Bedingungen schnell, hatten eine tolle Traktion und holten immer das Optimum aus den Reifen heraus. Das ist klar die Handschrift von Byrne.“
Die Zahlen sprechen für sich: Nach drei Rennen führt Ferrari-Pilot Charles Leclerc vor dem Heimrennen der Scuderia in Imola am 24. April mit zwei Siegen, einem zweiten Platz und zwei schnellsten Runden die WM deutlich mit 34 Punkten Vorsprung auf Mercedes-Pilot George Russell an. In der Konstrukteurswertung liegt Ferrari ebenso überlegen mit 39 Zählern vor Mercedes.
Allein: Der Südafrikaner gilt zu Zeiten von Windkanälen und aufwendigen Computersimulationen ähnlich wie Red-Bull-Designer Adrian Newey als eine Art Daniel Düsentrieb, der das Design eines Autos mit Ideen auf einem Zeichenbrett beginnt. Während aber Newey seine besten Ideen unter der Dusche hat, fallen Byrne die Techniktricks beim Rasieren ein. Dazu erzählt Ex-Formel-1-Pilot Surer eine Anekdote: „Anfang der 80er durfte ich mal den Toleman testen, dessen Konstrukteur Byrne war. Byrne musste aus thermischen Gründen am Auto die Kühler versetzen. Danach war der Toleman eine halbe Sekunde schneller. Alle rätselten weshalb. Am nächsten Morgen kam ein aufgeregter Rory Byrne zur Rennstrecke, er war nur auf einer Gesichtshälfte rasiert. Beim Rasieren sei ihm die Antwort gekommen, warum das Auto schneller fährt. Das ist Rory Byrne.“
Ex-Ferrari-Pilot Gerhard Berger ist sich auch sicher, dass Byrne viel mit der Wiederauferstehung Ferraris zu tun hat. Der heutige DTM-Boss sagt: „Byrne ist auf seine Weise ebenso ein Genie wie Newey. Schon in den 80ern hatten wir wie heute große Probleme mit dem so genannten Bouncing, dem extremen Hüpfen der Autos auf der Geraden. Damals beschäftigte sich schon Rory Byrne mit dem Thema.“ Auffällig ist, dass Mercedes viel Rundenzeit mit dem Bouncing verliert, Ferrari aber nicht. Berger weiter: „Byrne ist ein Garant dafür, dass die Autos auch während der ganzen Saison auf einem Topniveau bleiben.“
Dazu kommt: Es war sicher ein Vorteil, dass F1-Technikchef Ross Brawn und Ex-Benetton-Techniker Pat Symonds das radikale Fahrzeugreglement für 2022 entwickelt haben. Beides sind Bodies von Byrne, beide arbeiteten zusammen bei Benetton und später Brawn bei Ferrari eng mit dem Südafrikaner zusammen. Es wäre nur natürlich anzunehmen, dass sie bei der Entwicklung der Regeln auch öfters Byrne um Rat gefragt haben. RALF BACH