München – Die Ausgangslage schien ja klar. „Ich denke, dass 90 Prozent der Welt ein 3:0 in der Serie erwarten“, hatte Bayern-Coach Andrea Trinchieri vor den Viertelfinal-Playoffs in der Euroleague gegen den Titelanwärter FC Barcelona gesagt. Das – so viel steht jetzt schon fest – wird nicht mehr passieren. „Die Bayern stürmen den Palau“, staunte das katalanische Blatt „Sport“ nach dem 90:75-Erfolg der Gäste, mit dem sie die Serie zum 1:1 ausglichen. „Mundo Deportivo“ sah gar einen Barca-„Kollaps“.
Jedenfalls kam genau das zusammen, was passieren muss, damit der Außenseiter beim Favoriten gewinnt. Der spielte weit unter seinen Verhältnissen (verwandelte nur 30,4 Prozent der Dreier, zum Vergleich: der FCB am Donnerstag 48,1). Und er traf auf einen Gegner, der am oder über dem Limit agierte. „Ich muss meinen Spielern gratulieren, sie haben ein großartiges Spiel gezeigt“, lobte Trinchieri. „Sie haben gekämpft, unglaublich viel Energie gegeben gegen einen großen Gegner.“
Und obwohl zwischen Ende von Spiel eins (77:67) und Beginn von Partie zwei nur 45 Stunden lagen, reichte das aus, den Matchplan zu ändern. Die Bayern (sonst eher für langsamen Spielaufbau bekannt) drückten aufs Tempo, stellten Barcelona so immer wieder defensiv vor Probleme. Und sie hatten einen Matchwinner, den die Katalanen so wohl nicht erwartet hatten.
Null Punkte hatte Deshaun Thomas in der Auftaktpartie erzielt, am Donnerstag waren es 25 (auch dank sechs von sieben versenkten Dreiern). Er war damit bester Scorer beider Teams. „Das war ein bedeutender Sieg für uns, übrigens auch für mich“, sagte der 30-jährige Amerikaner. „Im ersten Spiel kam ich schwer in den Rhythmus. Aber in diesem Spiel hat mein Team mich gebraucht, und ich bin rausgekommen und habe gut für sie gespielt.“ Am Mittwoch und Freitag geht die Serie in München weiter. Bayern hat sich sogar die Chance erarbeitet, mit zwei Siegen erstmals ins Final Four in Belgrad (19. bis 21. Mai) einzuziehen. Doch Trinchieri weiß, was auf ihn und sein Team zukommt. Der Topfavorit der Königsklasse sei „sauer. Ihr Ziel ist es, uns am Mittwoch zu zerstören. Also müssen wir den Helm aufsetzen und wieder bereit sein.“
Denn, so der Italiener über Barcelona und deren Trainer Sarunas Jasikevicius: „Das ist das beste Team, der beste Coach, das beste System. Sie sind darauf programmiert, den Titel zu gewinnen.“ Die Bayern wiederum hatten schon in der Vorsaison international für Aufsehen gesorgt, als erste deutsche Mannschaft die K.o.-Runde der Königsklasse erreicht und waren nach 0:2-Rückstand denkbar knapp mit 2:3 an Mailand gescheitert. „Ich bin sehr happy auch für unseren Verein“, fand Trinchieri. „Denn das ist erst unser zweites Jahr in den Playoffs und die Organisation ist gut zehn Jahre alt; wir haben noch Reste der Muttermilch am Mund kleben.“
Vor den nächsten Highlight-Spielen gegen Barcelona wartet aber zunächst der nationale Liga-Alltag. Am Sonntag (18 Uhr) treten die drittplatzierten Bayern beim Siebten an in Hamburg an. Dort physisch und psychisch wieder Höchstleistung zu bringen wie in Barcelona – das wird die nächste Herausforderung …