Bayern vor der Zehnsation

von Redaktion

Ein Sieg gegen Dortmund bringt den Münchnern den Meister-Rekord

VON JOSÉ CARLOS MENZEL-LÓPEZ

München – Man muss sich das Ganze mal vor Augen führen. Wenn in den kommenden Wochen über die Saison des FC Bayern geurteilt wird, dürfte das Fazit der Fachleutes nur bedingt positiv ausfallen. Zu frisch sind noch die Wunden, die das krachende Viertelfinal-Aus in der Champions League gegen den Tabellensiebten der spanischen Liga aus Villarreal verursacht hat. Ins Gewicht dürfte natürlich auch das nicht minder schmerzliche Zweitrunden-Aus im DFB-Pokal gegen die Gladbacher Borussia fallen, bei dem sich die Münchner eine Handvoll Tore fingen.

Und jetzt? Kann mit einem Sieg an diesem Samstag gegen die Dortmunder Borussia immerhin die Meisterschale eingefahren werden. Doch was ist dieser alleinige Ligatitel noch wert beim erfolgsverwöhnten Club von der Säbener Straße, werden sich viele fragen. Die Antwort muss lauten: einiges. Denn dieser Coup ist, so unzufriedenstellend die übrigen Wettbewerbsleistungen heuer ausfielen, eine Zehnsation!

Gewinnen die Bayern an diesem Samstag, wird aus dem Rekordmeister der Rekordserienmeister. Zehnmal in Folge Ligakönig ist noch keine andere Mannschaft geworden in den fünf Eliteklassen des Kontinents. Besagtem Kunststück am nächsten kam Juventus Turin, das von 2012 bis 2020 insgesamt neun Scudetti in der Serie A einfuhr.

Nagelsmann: „Eine Auszeichnung“

Und nun können die Bayern also dafür sorgen, dass Grundschulabgänger keinen anderen Meister kennen als den FC Bayern. „Das ist eine Auszeichnung“, weiß auch Cheftrainer Julian Nagelsmann, der die Meisterschale wiederum zum ersten Mal in seiner Karriere in den Himmel recken kann. „Die Meisterschaft hat einen Tick weniger Bedeutung als der Titel in der Champions League. Trotzdem ist es der ehrlichste Titel, den man zum zehnten Mal in Folge holen kann. Es ist eine besondere Situation gegen Borussia Dortmund im eigenen Stadion. Die Mega-Euphoriewelle wird erst entstehen, wenn wir es geschafft haben.“

Und dann? Geht die Jagd auf den lettischen Club Skonto Riga sowie den gibraltarischen Verein Lincoln Red Imps auch schon weiter. Beide Mannschaften halten mit 14 Meistertiteln in Folge den wirklichen Europa-Rekord, den der deutsche Rekordserienmeister erst 2026 knacken könnte. Grund zur Freude ist also durchaus gegeben, sollten die Rot-Weißen am Samstag die ausfallgeplagten Schwarzgelben vor ausverkauftem Haus bezwingen. Zumal die Corona-Lage auch endlich wieder eine Feier auf dem Marienplatz erlauben dürfte, wie Nagelsmann vorausblickte.

Zum „Delirium“, wie Ehrenpräsident Uli Hoeneß in der „SZ“ die Meistersausen zu seiner Zeit als Spieler und Manager beschrieb, dürfte es heuer bei den Bayern aber wohl nicht kommen. Denn die Meisterschale kommt insbesondere nach den jüngsten Ereignissen ein wenig als Trostpreis daher, daraus macht auch Nagelsmann selbst keinen Hehl. „Die letzten zwei Wochen trüben das Stimmungsbild“, räumte der Fußballlehrer ein. Es gebe „viele Dinge, die mich beschäftigen und meine Euphorie ein bisschen runterdrücken“. Damit meint der Coach nicht nur das frühe Champions-League-Aus gegen Villarreal, sondern auch den Vertragspoker einiger Leistungsträger, die damit zur Unruhe in den wichtigen Wochen der Saison entscheidend beitrugen. Bevor jedoch über die Saisonleistung philosophiert wird, muss sie erst standesgemäß beendet werden. Mit dem 32. Titel der Vereinsgeschichte. Mit der Zehnsation.

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