München – Der Draft ist in Amerika heilig. Jedes Jahr schauen Millionen Football-Fans gespannt zu, wie sich das favorisierte Team bei der Talentlotterie verstärkt. Über insgesamt sieben Runden können die 32 NFL-Teams in einer vorher festgelegten Reihenfolge zwischen den hoffnungsvollsten Nachwuchsspielern wählen („Picks“). In der Nacht auf Freitag startet die erste Runde in Las Vegas, Runde vier bis sieben bilden den Abschluss am Samstagabend.
Und wer hätte vor zehn Jahren schon gedacht, dass ein Pick aus dem Wirtshaus Donisl in München vorgelesen wird? Die Kansas City Chiefs veranstalten dort am Samstag eine Draft-Party, der ausgewählte Spieler soll von Michael Ballack verkündet werden. Auch die Tampa Bay Buccaneers reisen nach München und draften im Außenbereich der Allianz Arena.
Es ist der nächste Schritt, um Football hierzulande noch bekannter zu machen. Dabei ist Deutschland ohnehin schon der Wachstumsmarkt Nr. 1 für die NFL. Im Herbst findet erstmals ein NFL-Spiel in der Allianz Arena statt, die Ticketanfragen schnellten innerhalb weniger Wochen in die Millionenhöhe.
Und es gibt Grund zur Hoffnung, dass bald der nächste deutsche Spieler in Amerika auflaufen wird. Marcel Dabo hat die letzten drei Monate im Rahmen des International Pathway Program in den Staaten verbracht und für eine NFL-Karriere geschuftet. Das Förderprogramm soll Talenten aus dem Ausland – die nicht an einem US-College gespielt haben– helfen, den Sprung in die NFL zu schaffen.
2015 nahm Dabo an einem Schüleraustausch mit einer High School in Wisconsin teil und verliebte sich in Football. „Die Atmosphäre beim College-Football oder auch schon in der Highschool ist beeindruckend. Football ist in Amerika auf jedem Level riesig“, erzählt der 22-Jährige im Gespräch mit unserer Zeitung. Nach dem Ausflug in die USA meldete sich Dabo in Reutlingen bei einer Junioren-Footballmannschaft an. Und blieb dran.
Vergangenes Jahr sorgte der Defensivspieler mit den Stuttgart Surge in der European League of Football für Aufsehen, wurde als bester Nachwuchsspieler ausgezeichnet. Beim NFL-Combine, der wichtigste Leistungsnachweis für Talente, überzeugte Dabo zudem mit überragenden Werten. Die 40 Yards lief er in 4,42 Sekunden, sprang 3,5 Meter weit und schaffte beim Bankdrücken 21 Wiederholungen mit 102 Kilogramm. Amerikanische Medien nannten Dabo anschließend ein „verstecktes Juwel“, der den anderen Talenten „die Show gestohlen“ habe.
Den Draft verfolgt Dabo nun in seiner Heimat Stuttgart. Nach der Ankunft in Deutschland gab es erst mal schwäbische Rouladen mit selbst gemachten Spätzle von der Oma. „Aber gleichzeitig weiß ich auch, dass der Aufenthalt hier im Idealfall nicht lange andauern wird. Ich bin nur hier für die Durchreise. Hoffentlich geht’s bald wieder zurück in die Staaten“, sagt Dabo.
Björn Werner (wurde 2013 in der ersten Runde gedraftet) oder auch Sebastian Vollmer (zweifacher SuperBowl-Champion) haben es vorgemacht. Dabo will seine eigene Geschichte schreiben. Von Werner und Co. holt er sich viele Tipps, beispielsweise für die Gespräche mit Scouts. Besonders intensiv tauscht sich Dabo mit Jakob Johnson aus (aktuell bei den Las Vegas Raiders), der sich auch über das International Pathway Program den Traum von der NFL erfüllt hat.
„Ich sehe natürlich auch, dass es eine riesige Chance und eine riesige Verantwortung ist, als Deutscher in der NFL zu spielen“, sagt Dabo: „Aktuell sind wir in einem extremen Boom. Der Football-Hype in Deutschland ist überall zu spüren.“ Sogar im Donisl.
NICO-MARIUS SCHMITZ