„Ich hoffe, er muss nicht ins Gefängnis“

von Redaktion

Vor dem Insolvenz-Urteil am Freitag: Ex-Trainer Bosch erzählt von Becker

VON JÖRG ALLMEROTH

München – An den seltsamen, lange zurückliegenden Flug nach Australien kann sich Günther Bosch (85) auch heute noch sehr genau erinnern. Es war im November 1985, das Grand Slam-Turnier in Melbourne fand damals noch im Herbst statt. Bosch, der Trainer, saß mit seinem Schützling Boris Becker in der Lufthansa-Maschine, es gab etwas zu feiern, Becker wurde 18 Jahre alt. Volljährig also. Bosch hatte eine Torte bei der Crew bestellt, auch Champagnergläser.

Aber kaum waren die Gläser geleert, in denen tatsächlich nur Wasser war, wurde es ziemlich kühl in dem Lufthansa-Jumbo auf dem Weg ans andere Ende der Welt. Zwischen Becker und ihm, Bosch. Becker, der am Freitag in London von Richterin Deborah Taylor sein Urteil im Insolvenzprozess erwartet, habe ihm unversehens ins Gesicht gesagt, von nun „alles selbst“ entscheiden zu wollen: „Er meinte: Ich bestimme jetzt, wo es lang geht.“ Und tatsächlich sei es dann auch so gekommen: „Er wusste: Ich bin hier der Präsident. Ich habe das Sagen.“

Eine Episode mit Symbolkraft, ein Beleg dafür, dass Becker sich verdammt früh und dann fast immer am liebsten selbst vertraute. Gut anderthalb Jahre nach dem Urknall von Wimbledon, dem ersten deutschen Sieg auf dem Heiligen Rasen am 7. Juli 1985, war dann alles vorbei zwischen „Güntzi“ und „Bobbele“. Bosch lebt heute in Berlin und von dort aus blickt er auch auf den Londoner Prozess gegen Becker, in dem am Freitag das Urteil erwartet wird. Die Geschworenen haben den sechsmaligen Grand Slam-Champion in vier Anklagepunkten schuldig gesprochen, es geht dabei um beträchtliche Summen, die Becker eigentlich den Gläubigern in seinem Insolvenzverfahren schuldig gewesen wäre – und die er unter anderem für Zahlungen an seine ehemaligen Gattinnen verwendet haben soll.

Bosch will sich nicht direkt zu dem aufsehenerregenden Verfahren äußern, aus einem Grund, den Außenstehende wohl kaum glauben würden. Aber Fakt ist: Seit dem Ende des Arbeitsverhältnisses haben Becker, der 2002 in München wegen Steuerhinterziehung von rund 1,7 Millionen Euro zu zwei Jahren auf Bewährung und 500 000 Euro Geldstrafe verurteilt wurde, und Bosch in 35 langen Jahren in anderen Welten gelebt und nur noch ein einziges Mal miteinander gesprochen, bei einer Zufallsbegegnung auf einem Flug von Nizza nach Madrid. „Ich kam allerdings kaum zu Wort. Boris redete. Er wollte recht haben. Die anderen sollten ja immer nur nicken“, sagt Bosch. Was auch andere Weggefährten Beckers im Laufe der Zeit zu spüren bekamen, erlebte Bosch als erster: Das Elefantengedächtnis des Tennis-Stars, der nichts vergaß und verzieh, vor allem nicht den von ihm so wahrgenommenen Bruch von Loyalität.

Trafen sich Becker und Bosch später auf Turnieren, bei denen der gebürtige Siebenbürger als TV-Kommentator oder Zeitungskolumnist arbeitete, gingen sie wortlos aneinander vorbei. Becker setzte eine Pokermiene auf, er tat manchmal so, als kenne er Bosch nicht mehr. Erst später rang sich Becker dazu durch, seinem früheren Trainer etwa zu runden Geburtstagen zu gratulieren. Eine wirkliche Aussöhnung gab es aber nie.

Beckers finanzielle Probleme will Bosch nicht kommentieren. Es gebe schon zu viele Leute, „die nun drauflos spekulieren. Ich habe an seinem Leben seit 1987 praktisch nicht mehr teilgenommen.“ Was einerseits stimmt, denn Bosch war ja tatsächlich der erste enge Wegbegleiter, der geächtet war am Hofe des Tenniskönigs. Aber andererseits ist Bosch auch nie ganz losgekommen von Becker, dessen Laufbahn er aus der Distanz mit heißem Herzen verfolgte – bis zu jenem Julitag des Jahres 1999, an dem für Becker in Wimbledon alles vorbei war mit einer Achtelfinal-Niederlage gegen Patrick Rafter. Mit seinem letzten Spiel als Profi, auf jener Bühne, die sein Leben bestimmte. Und die Segen, aber auch Fluch war. Boschs Fazit damals: „Boris hätte mehr gewinnen müssen. Für das, was er an Fähigkeiten besaß, war es eigentlich zu wenig.“

Viele Becker-Insider sagen, dass es nach jenem Rückzug mit einem gewissen Illusionstheater Beckers weiterging. Mit der Überzeugung, er werde auch im Leben nach dem Tennis als Geschäftsmann die Asse und meisterlichen Returns schlagen, Tiebreaks gewinnen und Matchbälle verwandeln. Bosch würde so etwa niemals sagen und aussprechen, er betrachtet ganz diplomatisch und ernsthaft nur den Tennisakteur Becker. Und da wähnte Bosch seinen ehemaligen Chef Mitte des letzten Jahrzehnts „auf einem eigentlich sehr guten Weg“, als Übungsleiter und Berater des Weltranglisten-Ersten Novak Djokovic. Dessen Spiel habe Becker noch einmal auf eine neue Stufe gehoben, ihm die erfolgreichste Karrierezeit beschert. „Boris war selbst der Weltmeister der umgedrehten Spiele, und diese Mentalität hat er auch Djokovic eingeimpft“, sagt Bosch, „mich hat erstaunt, dass er dann rasch wieder aufhörte. Aber vielleicht war es auch zum genau richtigen Zeitpunkt, auf der Höhe der Zusammenarbeit.“

Das liebe Geld habe auch in frühen Zeiten schon einiges durcheinander gebracht, erinnert sich Bosch. Bis zum ersten Wimbledonsieg redeten er und Becker damals ungezwungen mit der Presse, es gab angenehme Gesprächsrunden und kaum Geheimnisse. Dann, nach dem ersten Sieg, kamen die Exklusivverträge, ausgehandelt von Manager Ion Tiriac. Plötzlich sprachen Becker und Bosch nur noch mit den Vertragspartnern, „Bild“ druckte eine Boris-Serie. „Der Rest zählte nicht mehr so richtig, galt sogar als Gegner“, sagt Bosch. Und als er später selbst Zeitungskolumnen verfaßte, sei er auch „die Opposition“ gewesen. Gut und Böse, so war das in jener Zeit, so Bosch. Beckers inzwischen verstorbener Vater Karl-Heinz habe ihm deshalb auch nur heimlich sagen können, „dass alles, was in Deinen Kolumnen steht, zutreffend ist.“

Bosch sagt, Geld sei in Beckers sehr jungen Jahren komplett unwichtig gewesen. Becker habe 20 Mark Taschengeld von den Eltern bekommen, er habe sich davon mal eine Cola gekauft und am Automaten geflippert. Wenn das Geld aufgebraucht gewesen sei, „bin ich eingesprungen und habe ihm was bezahlt“, sagt Bosch, „aber es ging um nichts Großes.“ Becker habe zuerst nur ein Ziel gehabt, einen Traum: „Nach oben zu kommen. Es war nicht seine ursprüngliche Motivation, reich zu werden mit dem Tennis.“

Von den Geschworenen des Southwark Crown Court in London kassierte Becker einen Schuldspruch in vier von 24 Anklagepunkten, jetzt drohen ihm bis zu sieben Jahre Haft. Bosch hat einen dringenden Wunsch, jetzt, wo es ernst wird für Becker in London. Wo das Urteil über ihn, den Tennis-Kanzler, gefällt wird. „Ich hoffe, dass er irgendwie durchkommt. Dass er nicht ins Gefängnis muss“, sagt Bosch.

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