München – Keiner hat die Ironman-Weltmeisterschaft öfter gewonnen als Mark Allen. Zwischen 1989 und 1995 triumphierte der US-Amerikaner sechsmal auf Hawaii und hält damit die Bestmarke mit seinem Landmann Dave Scott. Diesen Samstag findet eine WM das erste Mal nicht in Kona statt. Das 2021 ausgefallene Rennen wird in St. George (Utah) nachgeholt. Allen (64), inzwischen Motivationsredner und Trainer für Triathlon-Amateure, ist mit einigen seiner Athleten vor Ort. Im Gespräch mit unserer Zeitung erklärt er, warum er trotz des ungewöhnlichen Ortes voller Vorfreude ist, und was die Unterschiede zu Hawaii sind.
Mr. Allen, fühlt es sich für Sie immer noch besonders an, wenn die WM ansteht?
Ja, auf jeden Fall und ganz besonders dieses Wochenende, da es seit 2019 ja keine mehr gab. Da hat sich sehr viel Vorfreude und Aufregung angestaut. Natürlich ist Zuschauen und Teilnehmen etwas anderes, aber dieses Mal bin ich ähnlich aufgeregt.
Obwohl das Rennen nicht auf Hawaii ist? Es gibt dazu einige bedauernde Meinungen…
Sicherlich ist es anders, schon allein Natur: Kein Ozean, sondern trockene Luft, keine schwarze Lava, sondern rotes Gestein. Aber es ist ein sehr anspruchsvoller Kurs, der die Athleten auf andere Weise fordert, definitiv ein Weltklasse-Kurs. In Kona muss man mit dem Wind und der Luftfeuchtigkeit zurechtkommen, der langen Tradition, dem Druck und auch der Energie dieser Insel, die wirklich spürbar ist. Hier ist es hügeliger und du musst damit klarkommen, sowohl auf dem Rad als auch beim Laufen. Da es hier nicht so viel Historie gibt, ist es schwieriger zu wissen, was die richtige Geschwindigkeit auf der Strecke ist. Es ist einfach alles unbekannter, was es faszinierend macht. Ist es dasselbe wie Kona? Nein. Aber anders ist nicht unbedingt weniger wertvoll.
Wäre es spannend, wenn die Weltmeisterschaft auch in Zukunft nicht immer auf Hawaii ist?
Ja, vielleicht. Greg Bennett (ehemaliger Triathlet) hat mir gesagt: ich will sehen, wer der beste Athlet ist und nicht, wer der Beste bei hoher Luftfeuchtigkeit ist. St. George hat andere Herausforderungen. Ein mögliches Problem ist aber, dass jetzt Mai ist und nicht Oktober. Meine Vermutung ist: Die Starter, die einen schlechten Tag erwischen, werden womöglich nicht durchziehen und stattdessen aufgeben. In Kona bleibt man dran, weil man weiß, es ist das Ende der Saison. Wenn man das hier macht, könnte es den Rest der Saison beeinflussen. Es wird spannend, wie damit umgegangen wird.
Haben Sie vielleicht trotzdem einen Favoriten für das Rennen?
Ja. Ich bin nicht einmal sicher, was der beste Körpertyp ist für diesen Kurs. Man könnte meinen, leichte Typen sind im Vorteil, wegen der vielen Steigungen. Gustav Iden zum Beispiel. Auf der anderen Seite könnten gerade wegen der Hügel Leute mit viel Muskulatur bevorteilt sein, zum Beispiel Kristian Blummendfelt. Das ist die große Unbekannte, auf die niemand eine Antwort weiß, sowohl bei den Männern als auch Frauen. Also vor dem Rennen ist es dieses Jahr deutlich spannender.
Haben Sie trotzdem einen Favoriten?
Bei den Frauen muss man auf Anne Haug schauen, sie ist Titelverteidigerin. Außerdem natürlich Daniela Ryf, selbst wenn sie zuletzt nicht so in Form ist und Katrina Matthews. Bei den Männern sind es Gustav Iden und Kristian Blummenfelt, außerdem würde ich Reynold Sanders und Alistair Brownlee auf die Liste nehmen. Aber es kann auch jemand gewinnen, über den wir gar nicht sprechen.
Letzte Frage: Beschreiben Sie bitte das Gefühl nach einem Ironman…
(lacht) Es hängt davon ab, wie man ihn schafft. Wenn man sein gesetztes Ziel erreicht, ist es ein unglaubliches Gefühl. Wenn man einen harten Tag hatte und es nicht so gelaufen ist, ist man im Ziel komplett leer – in einem ist nichts mehr übrig. Aber nach einiger Zeit kann man erkennen, wie viel man erreicht und durch diese Rennen geschenkt bekommen hat. Die ersten sechs Jahre, die ich in Kona teilgenommen habe, habe ich nicht gewonnen. Einige davon waren sehr hart, ich dachte am Ende: das war das schlechteste Rennen meines Lebens. Aber nachdem Zeit verging, habe ich gemerkt, dass ich in diesen Rennen gelernt habe, mit schweren Momenten umzugehen. Diese Fähigkeit hat mir später geholfen, sechsmal zu gewinnen. Weil ich wusste, wie ich es durch harte Momente schaffe. Auch in den Rennen, die ich gewonnen habe, hatte ich solche Momente. Ein Ironman ist nie Zeitverschwendung. Da ist immer etwas, was man mitnehmen kann.
Interview: Thomas Jensen