Lennard Kämna streckte die Zunge heraus und hob seinen rechten Zeigefinger als Zeichen des Sieges in die Luft, während sein spanischer Kontrahent im Hintergrund enttäuscht mit der Faust auf seinen Lenker hämmerte – das große Finale in den Lavafeldern des sizilianischen Ätna-Vulkans wurde für Deutschlands Radsport-Hoffnung zu einem kleinen Märchen, wie es manchmal nur der Sport schreiben kann.
Kämna, Junioren-Weltmeister, Tour-Etappensieger und deutscher Radsportler des Jahres 2020, verpasste fast das gesamte letzte Jahr wegen mentaler Problemen. Die Lobeshymnen auf den so schmächtig wirkenden Bremer, der so kraftvoll in die Pedale treten kann – am Dienstag waren es 710 Watt in der Spitze – waren so schnell verklungen, wie sie hinausposaunt wurden.
Kämna aber gab nicht auf. Im Dezember des Vorjahres setzte er sich nach knapp neun Monaten und mit einem Segelschein in der Tasche erstmals wieder auf’s Rad. Er wolle wieder an sein altes Niveau anknüpfen, sagte der 25-Jährige damals, aber das „wird ein langer Weg“. Der Zielstrich auf der vierten Etappe des Giro d’Italia bildete vorerst das Ende einer doch nicht so langen Comeback-Strecke.
Darüber freute sich auch sein Arbeitgeber, der oberbayerischen Rennstall Bora-hansgrohe. Lennard sei ihm „sehr ans Herz gewachsen“, sagte Teamchef Ralph Denk. In Italien ist Emmanuel Buchmann die Podest-Hoffnung, doch es wäre nicht das erste Mal, dass der Helfer seinen Kapitän während einer Rundfahrt überfügelt. Ob Kämna nun eine goldene Zukunft bevorsteht, wird die Zukunft zeigen und hängt auch davon ab, ob der Mann aus Fischerhude seine Lehren aus dem Vorjahr gezogen hat.
Nach seinem ersten Vorstoß in die Weltspitze verpasste es Kämna, die nötige Balance zwischen Training und Freizeit zu finden. Seine volle Fokussierung galt dem Sport, nichts anderes brachte Genugtuung. Jetzt steht er wieder an der selben Weggabelung wie nach seinem Tour-Coup im September 2020. Auch da hatte Kämna bei einer Bergankunft, in Villard-de-Lans, oberhalb von Grenoble, triumphiert.
Der Husarenritt am Ätna ließ die Erinnerungen daran wieder aufleben. Was danach folgte – die Zweifel, die mentale Müdigkeit – all das bleibt hoffentlich für immer vergessen.
mathias.mueller@ovb.net