München/Helsinki – Toni Söderholm, der finnische Bundestrainer der deutschen Eishockey-Nationalmannschaft, ist 44. Die Halle, in der er mit seinem Team ab Freitag bei der Weltmeisterschaft antreten wird, kennt er seit 42 Jahren. Es ist eine ganz besondere Art von Heimvorteil.
„Mit zwei war ich zum ersten Mal in der Halle, mein Vater hat mich mitgenommen.“ Block C6, der kleine Söderholm saß „auf der Treppe neben der Pressetribüne“. Später wurde er Spieler bei IFK Helsinki. Und nun darf er als Trainer in diese Halle voller Erinnerungen zurückkehren. Das hat sich kurzfristig so ergeben. Eingeplant war die Gruppe mit den Deutschen an die Hartwall-Arena, in der das andere Team aus Helsinki, Jokerit, spielt – doch sowohl Immobilie als auch Club gehören drei russischen Oligarchen, die die Sanktionen im Zuge des Angriffskriegs auf die Ukraine trafen. Die Verträge wurden gekündigt, gespielt wird nun eben im Haus von IFK. Toni Söderholm darf sich auf Familie bei seinen Spielen freuen.
Allerdings: Die positive Stimmung rund um die deutsche Mannschaft wirkt ein wenig verflogen. Vor einem Jahr verkündeten die Spieler noch aus ihrem unter starken Corona-Einschränkungen abgehaltenen Trainingslager in Nürnberg, sie wollten um den Titel mitspielen, und als in Riga dann der spätere Champion Kanada leidenschaftlich niedergerungen worden war, definierte Söderholm ein solches Ergebnis als „das neue Normal“. Kampfansagen dieser Art sind nun nicht zu vernehmen, und der Bundestrainer sagt zum schwierigen Auftakt mit den Gegnern Kanada und Slowakei binnen 24 Stunden nüchtern: „Ich werde keine Ziele nennen, das führt nirgendwo hin. Wir brauchen einen Anfangspunkt, von dem aus wir arbeiten können – ob Sieg oder Niederlage.“
Olympia 2022 mit dem Scheitern in der Qualifikation fürs Viertelfinale hat den deutschen Eishockey-Aufschwung gebremst. Weltranglistenplatz fünf ist seit Peking Vergangenheit, Deutschland wird auf Platz neun geführt und hat in seiner Gruppe mit Kanada (2.), Schweiz (6.) und Slowakei (8.) schon mal drei aktuell höher eingeschätzte Gegner. Dänemark (10.) ist nicht weit weg, Frankreich (13.), Kasachstan (15.), Italien (16.) ergänzen das Tableau.
Hans Zach, Bundestrainer von 1998 bis 2004, lobt Söderholm als „Glücksfall für das deutsche Eishockey“. Der Finne fördere auch „die Spieler, die in ihren Vereinen nur fünf Minuten Eiszeit bekommen“. Dass einige von ihnen es nun in den WM-Kader geschafft haben, ist allerdings die Folge diverser Absagen. 2021, als es ins Halbfinale vorpreschte, dürfte das Team eine höhere individuelle Qualität gehabt haben – vor allem in der Offensive.
Doch Söderholm will das Positive herauskehren: „Viele, die dabei sind, haben hart und zielgerichtet gearbeitet, Sie spielen ihr erstes Turnier und kriegen sicher ein schönes Erlebnis für ihr ganzes Leben.“ Für ihn ist wichtig, „dass er jedem eine klare Rolle“ zuteilt. Und dass in der Kabine ehrlich miteinander umgegangen wird, „auch wenn der Trainer nicht da ist“.
Und wenn alles gut geht, weil man ja immerhin die drei NHL-Koryphäen (Grubauer, Seider, Stützle) dabei hat, kann Söderholm auch in der nagelneuen Arena in Tampere coachen. Dort steigt der Großteil der Playoffs.