Rückkehr der Drückeberger-Einstellung

von Redaktion

Nationalmannschaft von einer Absagewelle betroffen – Nachnominierungen aus Nordamerika möglich

München – Das Video ist mittlerweile aus dem Internet verschwunden – schade. Für einige Stunden war es ein Hit. Es zeigte Leo Pföderl, den Stürmer der Eisbären Berlin, barfuß (auf einer Seite trug er wenigstens eine Bandage) und leicht torkelnd inmitten von Fans in seiner Stadt die deutsche Eishockey-Meisterschaft feiern. Doch es war für Pföderl eben noch nicht der Abschlussakt der Saison 2021/22. Für ihn gar keine Frage: Er steht auch der Nationalmannschaft zur Verfügung und tritt bei der WM an. Wie voriges Jahr auch schon – damals trotz der Nachwirkungen einer Verletzung kurz vor den Playoffs.

Nicht alle haben diese Mentalität wie Leo Pföderl. Es fällt vor dieser WM 2022 auf, dass einige, die dabei gewesen wären, auf eine Teilnahme von sich aus verzichten. Bundestrainer Toni Söderholm spricht von „Spielern, die vor einem Monat noch Kraft hatten und nun kurzfristig abgesagt haben“. Sein Nachsatz, dass man die Gründe dafür bei den Betroffenen selbst erfragen müsse, lässt tief blicken: Es ist eine Einstellung. die ihn verärgert. Die Nationalmannschaft wird von einer leichten Drückeberger-Welle erfasst.

Zu denen, die eingeplant gewesen waren, zählen die Münchner Patrick Hager und Frederik Tiffels, auch der Berliner Manuel Wiederer hätte eine gute Nominierungschance gehabt. Die WM wird auch ohne die in Schweden unter Vertrag stehenden ehemaligen NHL-Kräfte Tom Kühnhackl und Tobias Rieder stattfinden und ohne den Mannheimer Nico Krämmer – vor einem Jahr bildeten sie einen glücklichen ersten Sturm, der sich nach gemeinsamen Jugendtagen in Landshut wiedergefunden hatte. Im Eishockey trägt man Verletzungsbotschaften ungern nach außen, so bleibt es im Bereich der Spekulation, ob ein Spieler verletzt ist oder keine Lust hat, drei Wochen vom Jahresurlaub abzugeben. Nachvollziehbar entschuldigt ist nur Andy Eder, der unter Pfeifferschem Drüsenfieber litt.

Der Kader entspricht jedenfalls nicht den Idealvorstellungen von Toni Söderholm. Deswegen wird er vor dem Auftaktspiel gegen Kanada am Freitag (19.20/Sport1 und Magentasport) nicht alle 25 Spieler, die mit nach Finnland gereist sind, melden. Er hat noch einige potenzielle Nachrücker in Nordamerika: Verteidiger Leon Gawanke sowie die Stürmer Lukas Reichel und John Peterka, alle in den Playoffs der AHL vertreten, könnten bei einem Ausscheiden ihrer Teams zur WM reisen.

Theoretisch auch Superstar Leon Draisaitl, dem mit Edmonton in der NHL wieder das frühe Playoff-Aus droht. Doch Draisaitl steht nicht auf Söderholms Rechnung. Bei den Oilers stünde im Fall des Scheiterns öffentliche Bestandsaufnahme an, bei der er als Führungsspieler sich erklären müsste. Und nicht verdrücken dürfte. GÜNTER KLEIN

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