Stuttgart – Diese Eruption macht einen Traditionsclub dann halt auch aus: „1893, hey, hey“, skandierten die Fans des VfB Stuttgart voller Enthusiasmus, berauscht von der Dramaturgie des letzten Bundesliga-Spieltags 2021/22, das Geburtsjahr ihres Vereins. Sie schrien es auf den Rängen heraus und später auch auf dem Spielfeld, das sie trotz fürsorglicher Mahnung auf der Videotafel („Schützt euch und andere“) stürmten. Und obwohl der VfB sich aufgrund seiner schwäbischen Gene, der ausklingenden Coronazeit und dauerhaft nicht gefüllter Kassen zur Sparsamkeit verpflichtet sieht, sah er gnädig hinweg über das, was Tausende in der Schüssel der Mercedes-Benz-Arena anrichteten: Ein Tor wurde zerknickt, quadratmeterweise wurde Rasen herausgeschnitten, und zu den Trohäen zählten Werbebanden und die Auswechseltafel. Die Freude, der Triumph, sie mussten raus: Durch das 2:1 gegen den 1. FC Köln und dank des gleichzeitigen Dortmunder 2:1-Sieges gegen Hertha BSC schaffte der VfB Stuttgart noch den Sprung auf Platz 15. Er bleibt drin. Hertha muss in die Relegation.
Wie ist es zu erklären, dass VfB und Hertha noch die Plätze tauschten? Gibt es auf der einen Seite ein Erfolgsmuster, auf der anderen einen erkennbaren Grund für das – man muss den Terminus vor dem Hintergrund der großen Ambitionen verwenden – Versagen? Was man wohl sagen kann: Die Stuttgarter waren konzeptionell stärker aufgestellt, die Berliner veranstalteten über die Saison gesehen zu viel Chaos. Und am Ende spielten auch Glück und Pech rein. Der VfB hatte das Glück, dass Sasa Kalajdzic 23 Sekunden, nachdem er einen Strafstoß verschossen hatte, das 1:0 köpfte. So etwas ist ein Signal: Es wird ein außergewöhnlicher Tag. Hertha BSC hatte das Pech, dass die 1:0-Führung in Dortmund, wegen einer nach Videosichtung erfolgten Handelfmeterentscheidung (wie immer strittig) zerbröselte. Hertha kassierte dann noch das 1:2, Stuttgart erzwang in der Nachspielzeit das 2:1.
Aber was in Stuttgart geschah, resultierte aus dem Glauben an die eigenen Fähigkeiten und dass man zu keiner Zeit durchdrehte, Trainer Pellegrino Matarazzo nicht infrage stellte. „Das war ein schönes Learning für einen Club, der sonst anders reagiert, wenn er auf Platz 17 liegt“, erinnerte Sportdirektor Sven Mislintat an den VfB vor seiner Amtszeit, die am 1. Mai 2019 begann. Mislintat baute eine Mannschaft, „die nicht nur kämpft, sondern Typen hat, die zocken können.“ Den Zusammenhalt und die interne Einigkeit hatten die Schwaben dem Standort Berlin voraus.
Die acht Spieltage Herthas unter dem Feuerwehrmann Felix Magath waren nur bedingt erfolgreich. Am 32. Spieltag konnte Hertha sich schon fast auf der sicheren Seite fühlen – und findet sich nach dem 34. in der Position wieder, die Magath angeblich im Sinn hatte, als er von Tayfun Korkut übernahm: „Relegation gegen den Hamburger SV.“ Der Tipp stimmte. Natürlich wollte Magath die beiden Extraspiele vermeiden – auch wenn er nun so tut, als kämen sie ihm gelegen: „Zweimal volle Hütte, Druck, Stress – wunderbar.“ Seine Mannschaft könne damit umgehen, habe sie doch gegen Dortmund gezeigt. Geschäftsführer Fredi Bobic nahm die Spieler anders wahr: „Fertig und abgearbeitet.“ Noch zweimal also wartet auf Magath die Aufgabe, ein Team zum Laufen zu bringen. Er hält dazu ein Trainingslager (im ehemaligen DDR-Leistungszentrum Kienbaum) ab.
Abgestiegen ist neben Fürth nun auch Arminia Bielefeld, das noch eine theoretische Chance auf den Relegationsplatz gehabt hatte. Die Ostwestfalen verlassen die Bundesliga mit dem Achtungserfolg, Leipzig an den Rand einer Niederlage gespielt zu haben. Torhüter Stefan Ortega verabschiedete sich mit dem Versprechen, „als Fan wiederzukommen“.