Nur kurz das Gedankenspiel: Wie wäre es gewesen, hätte das Finale der Europa League RB Leipzig – West Ham United geheißen? Gut, ob nun englischer Vertreter oder schottischer im Endspiel, egal, beide tragen einen Namen, der tief im Fußball-Bewusstsein verankert ist. Doch hätte auch Leipzig so etwas ausgelöst wie Eintracht Frankfurt? Wären im unbeteiligten München die Menschen in außenbestuhlten Sportbars gesessen, wäre die TV-Kneipe „Stadion an der Schleißheimer Straße“ auch fast auseinandergeflogen wie beim Frankfurter Tor zum 1:1? Gewiss nicht. RB-Übertragungen wären diskret in Wohnzimmern abgelaufen, die Nachrichtensendungen hätten nicht so leidenschaftlich vorgeglüht, denn es wären keine 50 000 Leipziger in Sevilla eingefallen.
Eintracht Frankfurt war der richtige Club, um den alten Fußball, wie er vom modernen Kommerz zunehmend verdrängt wird, wiederzubeleben. Dass die SGE das Finale der Europa League auch noch gewann, und das unter dramatischen Umständen, war wunderschön für sie und ihren Anhang, aber eigentlich gar nicht mehr so wichtig, denn ihre romantische Mission hatte sie ja schon durch den langen Weg, den sie gegangen war, erfüllt. Eintracht repräsentiert die graue Bundesliga-Mittelklasse und ist in allen Belangen ein Verein, auf den man auch in Europas zweiter Liga nicht setzen würde. Rein sportlich vollbrachten die Frankfurter also ein Wunder, das noch größer ist als das der Schalker „Eurofighter“ von 1997 im Vorgänger-Wettbewerb UEFA-Cup. Dazu kommt als wesentlicher Faktor, dass die SGE auch Leuten, die mit ihr regional nicht verbandelt sind, eine Sympathiefläche bietet: Sie hat einen Präsidenten, Peter Fischer, mit Volksnähe und klarer gesellschaftlicher Haltung, sie hat eine Fanszene, die findig genug war, im Viertelfinale das Ticketsystem des FC Barcelona auszuhebeln – der Coup des Jahres. In Frankfurt gewann nicht nur eine Auswahl von Spielern einen Pokal, sondern eine ganze Stadt. Und die Mannschaft weiß es, erkennt es an, es ist nicht nur eine Floskel.
Solche Geschichten verlangen immer dann, wenn sie am schönsten sind, danach, weitergeschrieben zu werden. Doch es kann gut sein, dass die Champions League Frankfurt trotz der verbesserten Einnahmesituation frisst; möglich auch, dass in einem Jahr um diese Zeit die Eintracht eine klaffende innere Leere erleben wird. Aber 2021/22 ist geschehen. Der Fußball lebte mal wieder – diese Erinnerung bleibt.
Guenter.Klein@ovb.net