Letzter Prüfstein für Luka Doncic

von Redaktion

MAVERICKS Der Basketball-Mozart zeigt, dass er bald die erste Geige in der NBA spielen könnte

VON ANDREAS MAYR

Dallas – Wo auch immer der Basketball-Weltverband FIBA diese Videofetzen her hat: Sie sind ein Schatz der Basketballgeschichte. Sie zeigen einen gerade zwölfjährigen Luka Doncic, den man inmitten dieses Pixelsalats tatsächlich nur an seinen Bewegungen erkennt, so schlecht ist die Videoqualität. Seine Aktionen, die aussehen, als würde er die Zeit anhalten, unterscheiden sich kaum von den heutigen, mit denen er seine Gegenspieler in der NBA vorführt, der besten Liga der Erde. 54 Punkte erzielte der Slowene damals bei diesem U13-Turnier in Rom. Die FIBA hat den Zeitpunkt natürlich wohl überlegt, um diese pixeligen Heldentaten in aller Welt zu verteilen. Just nach dem entscheidenden Sieg der Dallas Mavericks und Luka Doncic über Top-Favorit Phoenix tauchte der Clip im Netz auf. Spiele wie diese brachten ihm Spitznamen wie Basketball-Mozart oder Wunderkind ein, bevor er ein Spiel in den Staaten gespielt hatte.

Seit seiner Ankunft, 2018, spricht die Basketballwelt davon, dass dieser Luka Doncic einmal das Gesicht der NBA werden könnte, die Gürtelschnalle, die diese Traumfabrik umschließt. Nun, die Zeit ist gekommen. Mit 23 Jahren führt er die Dallas Mavericks ins erste Halbfinale seit dem legendären Titelteam um Dirk Nowitzki aus dem Jahr 2011. Noch heute staunen die Experten, wie die Mavs diesen Coup einfädeln konnten. Doncic ging nicht etwa als erste Wahl über die imaginäre Theke bei der jährlichen Talentauswahl, sondern erst an Position drei, die sich Dallas mit einem Tauschgeschäft gesichert hatte. Das ewige Stigma der weichen, unathletischen Europäer haftete selbst an Doncic, wo der doch schon als Teenager die Euroleague, die zweitbeste Klasse der Welt, dominiert hatte. Sie alle übersahen, dass dieser Doncic geboren ist, um zu gewinnen: Spanischer Meister, Euroleague-Sieger, Europameister – und das alles unter 20 Jahren. Er ist einer aus dem Holz der ganz Großen, Jordan, Bird, James, das ist die Liga, in die er drängt. Unter höchstem Druck zeigt er seinen besten Basketball.

Ein bisschen mehr hat es aber dann doch gebraucht, um ins Halbfinale vorzustoßen. Vorigen Sommer trennte sich Dallas von Meistercoach Rick Carlisle, einem Offensivgenie, das aber ein mindestens genauso großes Ego wie seine Stars pflegt und zuletzt im Clinch mit Doncic lag. Ersetzt wurde er von Jason Kidd, NBA-Legende, Champion mit den Mavs 2011, als Coach dagegen mit eher dürftigen Erfolgen und nicht dem besten Ruf. Die Hoffnung der Mavericks: Kidd, früher selbst genialer Aufbauspieler, würde auf Doncic Frequenz funken und mit seiner kumpelhaften Art die Mannschaft wieder aufrichten. So kam’s, wenn auch über Umwege. Doncic erschien mal wieder übergewichtig in den Staaten, und von den Offensivfestivals, die die Mavs unter Carlisle zelebriert hatten, blieb auch nichts mehr. Stattdessen drosselte Nachfolger Kidd radikal das Tempo (kein Team spielt langsameren Basketball als Dallas) und ordnete knallharte Verteidigung an. Nach Weihnachten waren Doncic Extrakilos gepurzelt und die Mavs in ihrer neuen Identität bestärkt.

Ins Zentrum ihrer Abwehr verfrachteten sie Maxi Kleber, den Würzburger, der Dallas’ neuer Verteidigungsminister ist. Seit Kleber in den Playoffs auch noch unverschämt sicher die Dreier verwandelt (49 Prozent Trefferquote), stürmen die Texaner als Geheimfavorit mit Siegen über Utah (4:2) und Phoenix (4:3) durch die Western Conference. Nun fordern die Mavericks die Stars der Golden State Warriors im Halbfinale. In Spiel eins am Mittwoch haben sich die Warriors als meisterhafte Fallensteller präsentiert, Zonenverteidigung, wechselnde Gegenspieler, viel Druck gegen Doncic, alles war dabei. Bei der 87:120-Pleite gelangen ihm nur 20 Punkte, im Nachhinein übte er Selbstkritik: „ich muss besser werden. Ich muss besser für die ganze Gruppe spielen.“

Der Meister von 2015, 2017 und 2018 ist der letzte Prüfstein. Aber keine Sorge: In den Runden zuvor hatte Dallas jeweils das erste Duell verloren, das Selbstvertrauen, gezogen aus diesen Playoff-Serien war Doncic anzuhören: „Wenn du mit einem Punkt oder 40 Punkten verlierst, ist es nur eine Niederlage. Wir müssen uns jetzt auf das zweite Spiel vorbereiten.“ Gelingt es ihm, auch hier den Entfesselungskünstler zu mimen, zieht er ein ins Pantheon der Großen.

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