Herzogenaurach – Frösche, womöglich schon die aus der nächsten Generation, quaken noch wie vor einem Jahr. Das war der Sound der Europameisterschaft 2021, wenn das Fernsehen zur deutschen Nationalmannschaft schaltete. Die hatte Quartier auf der Firmenzentrale ihres Sponsors adidas bezogen, war Erstbewohner des „Homeground“, einer Holzhaussiedlung auf dem Gelände. Davor: der Teich mit den Fröschen.
Am Dienstag, als es beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) mit der Vorbereitung auf die vier Juni-Spiele in der Nations League losging, wurde das Getier allerdings deutlich von menschlichen Stimmen übertönt. Motivationsrufe und Jubel hallten über den Campus, die Mitarbeiter der Sportartikelfirma fanden sich ein zu einem Lauf: „Run for the Oceans“, eine Kampagne gegen die Verschmutzung der Meere. Die prominenten Fußballgäste waren angehalten, eine Runde (2,3 Kilometer) mitzujoggen. Nicht alle: Die drei Torhüter Manuel Neuer, Kevin Trapp und Oliver Baumann fuhren auf ihren E-Bikes direkt zum Training. Torhüter laufen ungern, „Wir sind die ,Riders for the Ocean’“, witzelte DFB-Kapitän Neuer. Thomas Müller, Läufer, versuchte, elegant aus dem Pulk auszuscheren, als das kleine Adi-Dassler-Stadion passiert wurde – doch man pfiff ihn zurück.
Brav absolvierte die Mannschaft ihr Programm – aber nicht undankbar, denn es war auch ein Zeichen dafür, dass die äußeren Umstände eines Aufenthalts in Herzogenaurach sich verändert haben. 2021: Tägliche Corona-Tests, Abstands-Tracker um den Hals, Leben in der Blase. 2022: Keine Tests, keine Masken, wieder Treffen mit anderen Menschen. Corona war nur insofern ein Thema, als Marco Reus wegen eines Infektionsfalls in seiner Familie und eigener Symptome vorerst nicht anreisen konnte.
Voriges Jahr entfaltete der als fränkisches Campo Bahia angelegte Homeground nicht die segensreiche Wirkung wie die legendäre brasilianische WM-Unterkunft von 2014 – doch er bekommt eine zweite Chance für die Nations League 2022, die wegen des dichten Spielrhythmus als Turniersimulation und Vorbereitung auf die WM in Katar dient. Lukas Klostermann aus Leipzig ist gerne wieder in eine der Vierer-WGs eingezogen, obwohl die EM 2021 für ihn mit der Erinnerung verbunden ist, dass er nicht zum Einsatz kam und ein Übermaß an Freizeit hatte. „Ich bin jetzt mit einem positiven Gefühl gekommen, weil wir Topbedingungen in allen Bereichen vorfinden, im Gym trainieren können und ein reichhaltiges Angebot zwischen den Spielen vorfinden.“ Sollte es irgendjemandem fad werden, führt Leroy Sané gerne seinen 631 PS starken Flügeltürer vor, mit dem er aus München angereist ist – auch so ein Soundelement, das die Frösche kurz übertönte.
Dass, wenn ein Trainingslager beginnt, von den außerordentlich guten Bedingungen und dem Zusammenhalt im Kader erzählt wird, ist Pflichtprogramm, dafür gibt es Textbausteine, die jeder Fußballprofi abrufen kann. Und wie zum Beweis folgen Videos aus dem Mannschaftskreis, die die heiter-kameradschaftliche Stimmung belegen sollen. 2021 war es ein Schnipsel, der musizierende Spieler zeigte („Knockin’ on Heaven’s Door“). Und diesmal? Leon Goretzka ist ehrlich: „Ich habe noch keine Gitarre gesehen.“ GÜNTER KLEIN