Herzogenaurach – Kameras und Beobachter mit Notizblöcken durften schon nicht mehr dabei sein, als sich die Szene abspielte – aber Leon Goretzka hat mit dem Prinzip der Geheimhaltung gebrochen und ganz offen erzählt, was da los war im ersten Training der deutschen Nationalmannschaft in Herzogenaurach. „Ich habe mit Jo einen extrem intensiven Zweikampf geführt, wo es rund ging“, berichtete er. Nanu. Goretzka gegen Kimmich, die beiden Münchner Vereinskameraden. die gemeinhin über ihre Gemeinsamkeiten wahrgenommen werden – als logisches Tandem für die Doppel-Sechs, als Erstbesetzung der Mittelfeldzentrale, des Kraftwerks also?
Doch das ist gar nicht gesagt, dass es in den nächsten Spielen – im Rahmen der Nations League ab Samstag in Italien – und dann bei der Weltmeisterschaft im Winter so kommen wird. Denn Bundestrainer Hansi Flick hat vergangene Woche auch die Namen Ilkay Gündogan und Jamal Musiala fallen lassen – und aus vier Kandidaten mit Ansprüchen lassen sich einige Kombinationen bauen. Daher kann es durchaus sein, dass Goretzka und Kimmich gegeneinander um einen Platz in der ersten Elf antreten. Leon Goretzka stört das aber nicht: „Unsere ganze Mannschaft ist qualitativ so gut besetzt, dass es fatal wäre, jemandem eine Stammplatzgarantie zu geben. Ich würde mir als Trainer diese Handschellen auch nicht anlegen.“ Die harte Begegnung mit Freund Kimmich interpretiert er als etwas, „das uns eher zum Ziel führt. Das schweißt uns noch mehr zusammen. Und Hansi will Konkurrenz im Training sehen.“
Von den vier Sechser-Anwärtern konnte Goretzka in der vergangenen Halbserie am wenigsten an Empfehlung anbieten. Den 15. bis 26. Spieltag in der Bundesliga verpasste er, und als er nach einer mit „Hüftprobleme“ umschriebenen Verletzung zurück war, schied der FC Bayern mit ihm in der Champions League gegen Villarreal aus. „Eine doofe Verletzung war das, bei der man nicht wusste, was es ist, was man dagegen tun kann und wann es weggeht“, sagt der 27-Jährige. Die körperliche Schwäche irritierte angesichts seiner herkulischen Erscheinung. Doch jetzt kann er vermelden: „Keine Nachwehen. Ich fühle mich körperlich sehr gut und bin bereit.“ Für, wie er sagt, „vier tolle Spiele“. Zweimal Italien, England und Ungarn.
Ungarn – das weckt Erinnerungen im Kontext mit Goretzka. 2021 war es das emotional aufgeladene Gruppenspiel der Deutschen. „Das Thema im Vorfeld war ja, ob wir die Allianz Arena in den Regenbogenfarben anstrahlen dürfen.“ Er war gedacht als klares Zeichen gegen homophobe Gesetzgebungstendenzen in Ungarn. Leon Goretzka ist der deutsche Nationalspieler, der am klarsten Stellung bezieht in gesellschaftspolitischen Diskussionen – „aus dem Bauch“ kam dann seine Herzgeste vor dem ungarischen Fanblock, aus dem die heftigsten verbalen Schmähungen gekommen waren. „Meine schönste Erinnerung ist aber, dass wir durch mein Tor das Achtelfinale erreicht haben“, stellt er klar. Ungarn in Budapest ist auch erst das dritte in der Reihe der vier anstehenden Spiele, deshalb habe er „noch nicht in mich hineingehört, was meine Gefühle sein werden“.
Zu erwartender Gegenwind wird ihn aber nicht beeindrucken. Er weiß ja: „Wie immer, wenn man sich für etwas einsetzt, sind die Reaktionen gemischt.“
Fußball ist eben Kampf – oft nach außen und gelegentlich auch im internen Training.