San Francisco – Von den vielen reichen Menschen im Silicon Valley zählt Joe Lacob zu denen mit dem größten Mundwerk. Und das heißt etwas in diesem Salon der Superreichen. Als Lacob vor sechs Jahren doch tatsächlich behauptete, seine Golden State Warriors wären dem Rest der NBA „Lichtjahre voraus“, rumorte es unter den Milliardenschweren Clubbesitzern ob des Lacobschen „Größenwahns“. Mit entsprechend viel Schadenfreude überzog man Lacob dann, als die Warriors vor zwei Jahren aus dem Feld der Titelkandidaten in Richtung Tabellenende stürzten. Verletzte Stars, alterndes aber teures Stammpersonal – es sah nicht gut aus für die bröckelnde Dynastie.
Nun, im Jahr 2022, steht das Imperium wieder. Joe Lacob hat eine weitere Schote in die Mikrofone gegockelt. Diesmal verteilte er viel Weihrauch über sich selbst. „In dieser Stadt ist es wahrscheinlich härter als in allen anderen“, sagte er über San Francisco und den erneuten Finaleinzug der Warriors. In der Nacht auf Freitag (3 Uhr) spielen sie wieder um den Titel, zum sechsten Mal in neun Jahren, diesmal gegen die Boston Celtics, den Rekordmeister mit 17 Meisterschaften.
Die zwei Jahre im Schatten neben dem Rampenlicht nutzten die Golden State Warriors zur Restauration. Mitten in San Francisco eröffneten sie mit dem Chase Center ihre neue Kathedrale des Basketballs. Gewiss, für die Sportkultur der Gegend war das ein harter Schlag. Die Warriors galten stets als Club der kleinen Leute, lokalisiert in Oakland auf der unfeinen Seite der Bucht von San Francisco. In der alten Oracle Arena traf man die Menschen aus den Arbeitervierteln, für die Basketball ein Fenster in eine andere, hellere Realität war. Geld verdient man aber in San Francisco, und das Chase Center druckt die Scheine. Dort umschmust sich die Schickeria aus Bay und Valley. Mit diesem Geld begleicht Lacob seinen sündhaft teuren Kader. Alleine 170 Millionen Dollar zahlen die Warriors an Luxussteuer, die anfällt, wenn Clubs die Gehaltsobergrenze sprengen.
Auf sportlicher Ebene haben die Warriors eine Brücke von Vergangenheit in die Zukunft geschlagen. Eine Symbiose, die nur ganz wenigen Clubs gelingt. In den zwei Jahren Dürre griffen sie bei der Talentschau mit James Wiseman, Jonathan Kuminga und Moses Moody brauchbaren Nachwuchs ab, der den Kern um die Stars Stephen Curry, Klay Thompson und Draymond Green ergänzt. Mit einer Volte angelte sich Manager Bob Myers den talentierten Andrew Wiggins aus Minnesota, der dort zwar für seine Leistung chronisch überbezahlt war, aber im System der Warriors zum Edelverteidiger umgepolt wurde. Im Halbfinale gegen Dallas kettete er sich an Superstar Luka Doncic und war einer der entscheidenden Faktoren für den 4:1-Seriensieg der Warriors, der sie zurückbrachte, wo sie nach ihrem eigenen Selbstverständnis hingehören.
Ihr letzter Trip zu den Finalspielen, 2019 gegen Toronto, endete in einer Katastrophe überirdischen Ausmaßes. Superstar Kevin Durant verließ den Verein, Scharfschütze Klay Thompson riss sich erst das Kreuzband später die Achillessehne, fiel zwei Jahre aus. Im Januar kehrte er zurück. An manchen Abenden erinnert Thompson bereits wieder an die feuerspeiende Wurfmaschine, die aus allen Winkeln und Lagen trifft. In San Francisco verehren sie ihn und Stephen Curry als Wurfbrüder im Geiste. Manchmal sieht man Thompson mit Boot und Kapitänsmütze durch die Bucht jetten. Quasi wie einen Wächter der Bucht. Was wiederum zum Stil der Warriors passt. So spektakulär ihre vielen Dreier sind: Gewonnen haben sie stets wegen der Defensive. Im Finale gegen Boston treffen die beiden besten Verteidigungen der Liga aufeinander.