Herzogenaurach – Thilo Kehrer ist kein Superstar des Fußballs. Der 25-Jährige steht zwar bei Paris Saint-Germain unter Vertrag, dort jedoch im Schatten von Lionel Messi, Neymar, Kylian Mbappé, Sergio Ramos, Marco Verratti. In der ablaufenden Saison bestritt er weniger als die Hälfte der möglichen Einsatzzeit. Dennoch hat er 2021/22 gepunktet: Im deutschen Nationalteam ist Thilo Kehrer Rekordspieler. Bei allen neun Partien des neuen Bundestrainers Hansi Flick stand der Ex-Schalker auf dem Platz, meist über die Volldistanz, nie weniger als 72 Minuten. „Überrascht“, sagt er, „bin ich nicht, denn ich weiß, welche Arbeit dahintersteckt.“ Aber es fällt schon auf: Für seine ersten neun Länderspiele hatte er nicht ein gutes halbes Jahr benötigt, sondern drei komplette. Joachim Löw berief ihn halt ab und zu.
Auf keiner Position setzt Hansi Flick sich deutlicher von den Vorstellungen seines Vorgängers und einstigen Chefs Löw ab wie auf der der Außenverteidiger, links wie rechts. Löw setzte in der Endphase seiner Bundestrainer-Jahre links auf Robin Gosens und ersatzweise den Freiburger Christian Günter, Flick hat David Raum und Benjamin Henrichs im Auge. Rechts kam Löw nicht von der Option Joshua Kimmich los, Flick hat den Offensivspieler Jonas Hofmann (Mönchengladbach) als Außenverteidiger entdeckt und dazu Thilo Kehrer zur Stammkraft befördert – wobei Kehrer hinten jede Stelle besetzen kann, auch die des Innenverteidigers. Und auch Lukas Klostermann ist wieder im Spiel.
Für Thilo Kehrer macht sich bezahlt, dass seine Bekanntschaft mit Hansi Flick viel weiter zurückreicht als seit der Amtsübernahme des Neuen beim DFB. Kehrer erinnert sich an „meine Zeit in den Jugendnationalmannschaften. Hansi war Sportdirektor beim DFB, hat bei Turnieren beobachtet und mitgeführt“. Gleicher Fall bei Benjamin Henrichs (24). U16, U17, U18, U19, U21 – die Entwicklungsschritte fielen in Flicks Zeit beim DFB. Joachim Löw ließ 2016 den damaligen Leverkusener in San Marino im A-Team debütieren, nahm ihn 2017 zum Confederations Cup nach Russland mit, verfolgte Henrichs’ Weg aber nicht weiter, als der nach Monaco wechselte. Hansi Flick war als Bayern-Trainer daran interessiert, den Verteidiger zu verpflichten.
Gelandet ist Henrichs in Leipzig. Dort zündete er aber erst in der Rückrunde dieser Saison. Jesse Marsch, der erste Trainer, war nicht sein Fall, Domenico Tedesco, der zweite, schon. Jetzt steht das Comeback in der Nationalmannschaft. Darauf verspürt er, wie er dem „Kicker“ sagte, „absolute Lust“.
Henrichs und Lukas Klostermann, der vor allem von DFB-Direktor Oliver Bierhoff seit einem gemeinsamen Auftritt bei der Promi-Ausgabe der Quizsendung „Wer wird Millionär?“ hochgeschätzt wird („Superkerl“), sind nun unter nie dagewesenen Voraussetzungen zum Nationalteam angereist: als Pokalsieger mit Leipzig. „Für viele hier ist es Alltag, mit einem Titel zu kommen, für mich nicht“, erklärt Klostermann. Auch er ist, obwohl erst 25, ein alter Flick-Bekannter. Er gehörte zur olympischen Silber-Mannschaft von 2016, die Flick als DFB-Sportdirektor mit U21-Bundestrainer Horst Hrubesch mühevoll – es bestand keine Freigabepflicht der Clubs – zusammengepuzzelt hatte. Die positiven Eindrücke von Brasilien hat Flick gespeichert, und Klostermann ist nun wieder an der nationalen Spitze. „Mein Hunger“, sagt er, „ist nach meinem ersten Titel noch gewachsen.“