Hamidi boxt sich durch

von Redaktion

TSV 1860 MÜNCHEN Afghanischer Flüchtling will es in die Bundesliga schaffen

VON VINZENT TSCHIRPKE

München – Zebair Hamidi ist als Jugendlicher aus Kabul geflohen. Er kennt nichts anderes als täglichen Kampf. Das könnte ihm auch bei den Boxern der Münchner Löwen helfen.

Es dauert nur ein paar Sekunden, dann ist die Halle komplett still. Löwen-Trainer Ali Cukur ist sauer, einer seiner Boxer ist 20 Minuten zu spät zum Training aufgetaucht. „Wenn du nochmal so spät bist, musst du gar nicht erst kommen“ – der Trainer unterbricht das Aufwärmen für eine Lektion vor versammelter Mannschaft. Die Message: Wer bei ihm boxt, muss sich an die Regeln halten. Und zu diesen Regeln gehören Ehrgeiz, Disziplin – und Pünktlichkeit.

Das weiß auch Zebair Hamidi. Der 21-Jährige hat eine besondere Beziehung zu seinem Coach. Als er 15 Jahre alt ist, landet Hamidi alleine in einer Flüchtlingsunterkunft in München – er und seine Familie wurden bei der Flucht aus Kabul getrennt. In der Unterkunft trifft er auf Boxtrainer Cukur, der sich hier als Sozialarbeiter um unbegleitete Flüchtlinge kümmert. Cukurs Job ist es, traumatisierte Jugendliche zu therapieren und mit ihnen Anti-Gewalt- und Ressourcen-Trainings abzuhalten. Er trifft auf Hamidi, erkennt sein Talent und nimmt ihn mit zum Boxtraining der Löwen. Hier beginnt eine Geschichte, die von Höhen und Tiefen geprägt ist.

Auf seinem Weg bis zum großen Traum, der deutschen Box-Bundesliga, wird Hamidi drei Mal hintereinander deutscher Vizemeister. Zwei dieser Finals verliert er nach Punkten, noch heute hadert er mit der Entscheidung des Referees: „Das hat sich angefühlt wie ein geklauter Sieg. Aber seitdem trainiere ich noch härter.“

In dieser Zeit als Jugendlicher lernt er, sich im wahrsten Sinne des Wortes durchzuboxen. Seine Geschichte als Flüchtling aus Afghanistan sieht er als Vorteil gegenüber anderen Boxern. „Niemand hat mir etwas geschenkt, ich kam alleine in München an. Deshalb habe ich früh gelernt: Wenn du etwas willst, musst du kämpfen.“ Ali Cukur hilft ihm dabei. Zielstrebigkeit, Selbstbeherrschung – all das hat Hamidi vom Trainer gelernt. Der 61-jährige Cukur ist zwar streng, kitzelt so aber mehr Leistung aus seinen Jungs heraus – auch bei Zebair Hamidi: „Ali ist wie ein Vater für mich, ohne ihn hätte ich es nie so weit geschafft“.

Denn sein Trainer unterstützt ihn nicht nur im Ring. Viel wichtiger: Das Boxen gibt seinem Alltag Struktur. In den Flüchtlingsunterkünften gibt es oft Probleme, das Training ist mehr als nur Sport. Ali Cukur hat in der Einrichtung schon viele Jugendliche betreut, er weiß: „Die Jugendlichen, die im Heim ankommen, sind traumatisiert. Die haben keine Perspektive – da rutscht man schnell ab. Zebair hat das Boxen angenommen, hart gearbeitet und sich so selber geholfen.“

Und so konzentriert sich Hamidi nicht nur aufs Boxen, sondern kommt auch im Leben an. Er findet Freunde, arbeitet erst als Elektriker und Metallbauer und macht danach eine Ausbildung zum Karosserie- und Fahrzeugbauer. Seinen Alltag finanziert er sich selbst. Zebair Hamidi hat sich im fremden Land ein neues Leben aufgebaut.

Wenn da nicht die deutschen Behörden wären. Drei Mal soll Hamidi abgeschoben werden. Er kommt in eine fatale Zwickmühle: „Ich wusste: Wenn ich zurück gehe, sterbe ich. Ich konnte nicht zurück nach Kabul – aber durfte auch nicht bleiben.“ Erst als in Afghanistan wieder Krieg ausbricht und die Taliban an die Macht kommen, wird sein Abschiebe-Bescheid ausgesetzt. Wie lange, weiß er auch jetzt nicht. Der Boxer lebt in der ständigen Angst, zurück nach Kabul zu müssen. Raus aus seiner neuen Heimat, zurück in den Krieg. Zurück in eine Welt, die Hamidi hinter sich gelassen hat: „Ohne den Krieg wäre ich nie in Deutschland gelandet. Aber jetzt kann ich nicht mehr zurück.“

Für seinen Bundesliga-Traum schuftet Hamidi sechs Mal die Woche – samt Extraschichten. „Wenn das Training vorbei ist, mache ich die Übungen aus dem Training nochmal alleine. Denn ich habe gelernt: Harte Arbeit zahlt sich aus.“ Und so arbeitet er nach jedem Training an der Ausdauer und an seiner Beinarbeit. Er trainiert im Kraftraum und verbessert seine Schlagtechnik. Die größte Herausforderung ist aber, endlich an Gewicht zuzulegen. Mit 55 Kilo ist er für die unterste Gewichtsklasse zu leicht. Bis er dort antreten kann, muss Hamidi mindestens 57 Kilogramm auf die Waage bringen. Weil ihm die zwei Kilo fehlen, setzt sein Trainer einen älteren Boxer an seine Stelle. Hamidi akzeptiert es. „Mich kann nichts mehr umhauen!“

In Zukunft will er noch härter trainieren, bis zur Bundesliga-Saison im nächsten Jahr stehen außerdem noch zwei Deutsche Meisterschaften an, die er unbedingt gewinnen will. Nächstes Jahr soll dann endlich auch der erste Bundesliga-Kampf starten – sein Trainer Ali Cukur weiß auch schon, wie Hamidi bis dahin die letzten Kilo draufkriegt. „Dafür muss er Muskeln und Gewicht aufbauen. Und am besten viele Kohlenhydrate essen.“ Auf dem Speiseplan stehen: Nudeln, Hirse, Steak. Ob das reicht, um in einem Jahr auch seinen Traum von der Bundesliga zu erreichen? Zebair Hamidi wird dafür weiter hart arbeiten.

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