Das Bewundernswerte an Cristiano Ronaldo, der ja auch viele zweifelhafte Seiten hat: Er ist Fußballer durch und durch. Das zeigte er im zweiten Spiel der Nations League, nachdem ihm im ersten für die Startelf der Leipziger Andre Silva vorgezogen worden war: Er drehte auf, spielte alles in Grund und Boden, führte Portugal zu einem 4:0 gegen die Schweiz, einem überhaupt nicht selbstverständlichen Resultat. Cristiano Ronaldo ist also noch so bodenständig, dass die uralte Trainerpsychologie bei ihm verfängt: ihn einfach reizen, unter Druck setzen, zur Reaktion zwingen.
Am Tag, als Ronaldo der Schweiz zwei Treffer einschenkte, traf Lionel Messi für Argentinien gleich fünfmal. Okay, es war nur gegen Estland, ist aber trotzdem bemerkenswert, weil man für eine solche Vielzahl an Toren eine gewisse Wegstrecke zurücklegen muss und die Laufleistungen Messis eher dem Kilometer-Pensum von Torhütern entsprechen. Was uns auch einfällt, wenn wir von der Messi-Gala lesen: Vor ein paar Jahren hatte Messi im Frust darüber, dass ihm mit der Nationalmannschaft kein Titelgewinn gelang, seinen Rücktritt aus selbiger erklärt. Er überlegte es sich dann doch noch anders und konnte 2021 die südamerikanische Kontinentalmeisterschaft holen, die Copa. Der Vergleich mit Europa-Champ Italien ging vorige Woche klar an Argentinien, das auf einmal ein sehr aussichtsreicher Weltmeister-Anwärter zu sein scheint.
Die WM 2022 findet ein knappes halbes Jahr später statt, als das im normalen Turnus der Fall wäre. Im höheren Alter ist es ganz natürlich, dass man sich fragt: Muss das noch sein? Dem wunderbaren italienischen Abwehrhaudegen Giorgio Chiellini mit seinen 37 Lenzen wurde die Entscheidung darüber, ob er Katar noch dranhängt, durch das Versagen seiner Mitspieler leider abgenommen, doch Ronaldo und Messi sind qualifiziert – und motiviert: WM-Jahr ist eine gute Gelegenheit, dem aufmüpfigen Kollegen Lewandowski, der gerade Vereinstheater veranstaltet, den Goldenen Ball wieder abzunehmen, außerdem hängt man an einer Nationalmannschaft, wenn man ihr so lange angehört. Ronaldo (37) erstrahlte bei der EM 2004, Messi (34) stellte sich bei der WM 2006 in Deutschland vor.
Katar bekam die WM mit zwölf Jahren Vorlauf zugesprochen, als Ronaldo und Messi schon Weltstars waren. Sie sind es 2022 immer noch, und vielleicht hat das Ausrichterland, um zu verhindern, dass die beiden Attraktionen kurz zuvor wegbrechen, sich was einfallen lassen. Irgendwo werden sie ja spielen müssen, wenn sie wirklich alt und gebrechlich sind.
Guenter.Klein@ovb.net