München – Fußball-Siege gegen die Deutschen sind für England ein Kulturgut. Das 1:0 im EM-Achtelfinale vor knapp einem Jahr in Wembley (in Erinnerung: Thomas Müllers finaler Schuss am linken Torpfosten vorbei) hat einen nationalen Glücksrausch ausgelöst – aber noch berühmter ist der 5:1-Coup von 2001 in München, damals noch im Olympiastadion in der Qualifikation zur WM 2002. In England kann man 5:1-Tassen und 5:1-Videos kaufen – in Deutschland verdrängt man, dass es dieses Spiel je gab. Ilkay Gündogan findet es in seinen Kindheitserinnerungen, die mit dem WM-1998-Finale Frankreich – Brasilien beginnen, gar nicht vor, und Hansi Flick rechnet zurück: „Da war ich Trainer bei der TSG Hoffenheim in der Oberliga.“
Ein paar englische Medien zitieren das 5:1 auch jetzt noch, doch es ist eine Sache für die Nostalgiker, für die aktuelle Generation auf beiden Seiten spielt es keine Rolle mehr. Die einst glühende Rivalität der beiden Fußballvölker ist professioneller Geschäftsmäßigkeit gewichen – wie Ilkay Gündogan erzählt. Noch nie hat er hören oder lesen müssen, dass er ein „Kraut“ oder ein „Fritz“ sei, „das Verhältnis zwischen uns Spielern ist richtig gut, extrem freundschaftlich, man zollt sich Respekt“. Bei Manchester City sei „Didi Hamann noch ein Thema, man erinnert sich an Anekdoten von ihm.“ Der heutige TV-Experte spielte von 2006 bis 09 für City, zuvor war er in Newcastle und Liverpool, auf seiner ersten Weihnachtsfeier 1998 wurde ihm ein Exemplar von „Mein Kampf“ überreicht. Heute undenkbar, der englische Humor ist etwas sensibler geworden. Wenn ein deutsch-englisches Thema „durch die Medienlandschaft geht“, so Gündogan, „dann ist es, dass wir besser Elfmeter schießen“.
Gündogan bei Manchester City, Timo Werner, Kai Havertz und Antonio Rüdiger (der zu Real Madrid wechseln wird) beim FC Chelsea – das sind die aktuellen deutschen Nationalspieler in England. Bundestrainer Hansi Flick verweist auch noch auf Robin Koch bei Leeds United, ihn hat er weiterhin im Auge. Flick glaubt, dass seine Spieler von Jobs in der Premier League profitieren. „Ich habe einige Spiele gesehen, das Niveau ist sehr, sehr hoch, man hat fünf bis sieben Mannschaften, die auf Augenhöhe sind“, sagt er. „Unsere Spieler machen Fortschritte in Sachen Robustheit und Intensität.“ Klassische England-Schule war aus Flicks Sicht, „wie vor unserem Ausgleichstor gegen Italien Kai Havertz seinen Körper einsetzt“. Das deutsche Ausnahmetalent, das vor allem als schlaksig und elegant wahrgenommen wird, entwickelt sich im physischen Spiel. „Es ist wichtig, dass man sich darauf einlässt.“
Und so wachsen der deutsche und der englische Fußball allmählich zusammen. Jürgen Klopp und Thomas Tuchel sind markante Trainerfiguren, mit Per Mertesacker leitet ein deutscher 2014er-Weltmeister die Akademie des FC Arsenal. Und auch Ilkay Gündogan, 31, hat eine zweite Karriere eingeleitet: „Ich habe eine Trainerausbildung abgeschlossen und bin ab und zu bei der U 16 von Manchester City.“ GÜNTER KLEIN